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Big Black Dogs

Shoot The Moon

Wismart/NRW W104
(52 Min., 2012)

Kaffee ist der Treibstoff, der Berlin am Laufen hält. Das weiß man seit dem wunderbaren Film „Oh Boy“, das zeigt jetzt auch das Hauptstadt-Quintett „Shoot The Moon“ mit der Hymne „Coffee“ aus der Feder der Bandleaderin und Altsaxofonistin Almut Schlichting. Ein morgenmuffeliger Bass und ein schlurfendes Schlagzeug werden da derart von seltsamen Bop-Bläserlinien und dem zwischen Werbemelodie-Schnurren und Rap oszillierenden Gesang Winnie Brückners mit Koffein aufgeputscht, dass sie schlussendlich in einen fröhlichen südamerikanischen Clavé-Rhythmus aus der Heimat der Bohnen verfallen.
Solche überraschenden Temperamentwechsel sind typisch für die Musik auf der dritten Einspielung von „Shoot The Moon“: Ein pseudo-irisches Volkslied verwandelt sich in einen Reggae („Secret Green“), eine Tango-Nummer landet bei Kurt Weill („Schnecken“), aus einem Choral wird eine Polka, dann ein krummer Walzer („Walk In The Woods“). Der verspielten Ausgefuchstheit der Arrangements steht ein roher, schrundiger Band-Sound gegenüber; der Verzicht auf ein Akkordinstrument gewährt den Solisten (hauptsächlich Schlichting und Bassklarinettist Tobias Dettbarn) einige Freiheiten.
Die Protagonistin ist freilich Sängerin Brückner, die die eigenwilligen Lied-Tragikomödien Schlichtings (darunter auch zwei Umsetzungen von Gedichten Virginia Woolfes) mit Märchenerzählerinnen-Sirenen-Stimme zum Leben erweckt. Berlin, wie es singt und seufzt.

Josef Engels, 07.09.2013



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