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Carlo Gesualdo

Responsoria 1611

Philippe Herreweghe, Collegium Vocale Gent

Phi/Note 1 LPH010
(127 Min., 6 & 8/2012) 2 CDs

Mit Gesualdos „Responsorien“, jenen auch für heutige Ohren noch völlig abgefahrenen musikalischen Bekenntnissen eines von den Geistern seiner Vergangenheit geplagten Mörders, ist es in puncto CD-Einspielungen so eine Sache: Die lange Zeit hochgerühmte Version des „Hilliard Ensemble“ ist – man muss es leider sagen – über weite Strecken recht unsauber intoniert, wodurch dem Hörer die gerade harmonisch so extraordinäre Musik leider versauert wird. Ganz anders verhält es sich mit einer Einspielung der „King’s Singers“ aus dem Jahre 2004: Sie zählt zum Perfektesten, was auf diesem Gebiet je gemacht wurde, sie ist der einsame Favorit des Rezensenten. Aber leider – die „King’s Singers“ haben nur neun der 27 Responsorien aufgenommen, diejenigen vom Gründonnerstag nämlich.
Philippe Herreweghe legt nun alle 27 Stücke und dazu auch noch das selten zu hörende Canticum „Benedictus“ (Lobgesang des Zacharias) und den Psalm 50 „Miserere mei Domine“ vor. Es singt das Collegium Vocale Gent in interessanter Besetzung: Mit Margot Oitzinger und Stephan MacLeod hat Herreweghe gestandene Solosänger verpflichtet, mit Manuel Warwitz oder Hermann Oswald kommen erfahrene Kräfte aus anderen Ensembles hinzu, die uns in dieser Gruppierung bisher nicht aufgefallen waren.
Das Ergebnis ist eine chorische (in jeder Stimme mehr als einfach besetzte) Interpretation, die in puncto Sauberkeit und Homogenität natürlich auf sehr, sehr hohem Niveau rangiert. Deutlich zu erkennen ist auch das Bemühen um eindrückliche Umsetzung des Textinhaltes. Allerdings, so meint der Autor, bleibt die auf Intimität und individueller Gestaltung beruhende Wirkung der „King’s Singers“-Fassung unüberbietbar: Irgendwie gehen Herreweghe skandalöse Effekte wie die Querstände bei „Et ego vadam“ (im zweiten Responsorium von Gründonnerstag) im breiteren Pinselstrich des Chorklangs ein wenig durch die Lappen, ebenso wie auch das vom Komponisten kalkulierte Durcheinander bei „Vos fugam capietis“: Bei den „King’s Singers“ hört man wirklich einzelne Jünger davonlaufen, bei Herreweghe hört man mehr ein allgemeines Chaos. Auch die teils schier unglaublichen Klangeffekte, die einzelne Stimmen im Satz immer wieder miteinander produzieren (etwa bei „Cujus livore sanati sumus“ im dritten Responsorium des Gründonnerstags) kommen chorisch nicht so packend zur Geltung. Aber wie gesagt: Von den „King’s Singers“ gibt es nur den Gründonnerstag. Und wenn man darüber hinaus auch die anderen 18 Responsorien erleben möchte, sollte man durchaus zu dieser Neueinspielung greifen.

Michael Wersin, 14.09.2013



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