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Domenico Scarlatti, Ludwig van Beethoven, Robert Schumann, Erik Satie, Pierre Boulez u.a.

Variationen über ein Thema von Scarlatti

Matan Porat

Mirare/harmonia mundi MIR213
(69 Min., 1/2013)

Dass die Musikgeschichte trotz einschneidender Kapitel und Umwälzungen ein fortwährendes Kontinuum ist, kann man allein an den Rückbezügen etwa auf die Romantiker ablesen, mit denen zeitgenössische Komponisten wie Wolfgang Rihm und Jörg Widmann ihre Werke aufladen. Doch auch bestimmte Intervalle haben sich wie ein roter Faden durch mehrere Jahrhunderte geschlängelt, wie etwa der „Tritonus“ als akustische Visitenkarte des Düsteren. Nun aber ist der israelische Pianist und Komponist Matan Porat in einer Sonate von Domenico Scarlatti auf ein ähnlich weitverbreitetes Motiv gestoßen. In der Sonate d-Moll K. 32 erklingt da ein auf- und absteigendes Halbton-Gebilde, das als Inbegriff eines musikalischen Seufzers gilt. Den Plan, darüber ein eigenes Werk zu schreiben, verwarf Porat aber schnell. Stattdessen wühlte er sich durch vier Jahrhunderte Cembalo- und Klaviermusik, um eine Art Variationenzyklus über dieses Halbtonmotiv zu konzipieren.
Wie lange Porat bis zur Komplettierung benötigt hat, ist nicht überliefert. Aber seine Ausdauer und vor allem sein akribisches Partiturstudium haben sich ausgezahlt. Denn bei seiner Recherche sind ihm nicht nur Stücke von Couperin bis György Kurtág, von Johannes Brahms über Franz Liszt bis hin zu György Ligeti in die Hände gefallen, in denen dieses Leitmotiv auftaucht. Bei der Zusammenstellung der insgesamt 24 Werke entdeckte er weitere, überraschende Querverbindungen und regelrechte Verwandtschaftsverhältnisse.
So folgt auf die melancholische e-Moll-Mazurka op. 17 Nr. 2 von Chopin die 11. Notation von Pierre Boulez, die plötzlich wie ein asketisches und prismatisch aufgelöstes Chopin-Double wirkt. Dann wieder lässt Porat die gelenkige, gerade mal 26 Sekunden dauernde 4. Notation nahtlos in einer Mozart-Gigue münden. Und auch da ist der französische Neutöner der fernen Vergangenheit näher als man bislang vermutet hat. Ähnliche Verblüffungen stellen sich bei dem Russen Schostakowitsch und dem Amerikaner George Antheil ein. Oder zwischen Schumanns „Vogel als Prophet“ und Erik Saties Gnossienne Nr. 2. Ganz zum Schluss ließ es sich Porat dann doch nicht nehmen, zumindest mit einer wild aufgeschäumten Improvisation unmittelbar an Alexander Skrjabin anzuknüpfen. Aber im Unterschied zu all den großen Meistern zeigt sich jetzt, dass sich Musikgeschichte nicht einfach fortschreiben lässt, indem man sie imitiert.

Guido Fischer, 26.10.2013



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