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Peter Tschaikowski

Sinfonie Nr. 6, Violinromanzen

Yannick Nézet-Séguin, Rotterdamer Philharmoniker, Lisa Batiashvili

DG/Universal 479 0835
(65 Min., 5 & 8/2012)

„Mich verwirrt ein wenig der Umstand, dass meine letzte Sinfonie, die soeben fertig geworden ist, besonders das Finale, von einer Stimmung durchdrungen ist, die derjenigen eines Requiems nahekommt.“ Mit solchen Werk-Erläuterungen haben Komponisten ihren Interpreten das Leben schon immer leichter gemacht. Denn mit nur ein, zwei Andeutungen lässt sich scheinbar mit links der Code knacken, um sich authentisch auf Augen- und Ohrenhöhe mit dem musikalischen Kunstwerk und seinem schlummernden Seelenunheil zu bewegen. Peter Tschaikowski hingegen hat sich posthum mit seiner Redseligkeit keinen großen Gefallen getan, als er mit den eingangs zitierten Worten den Großfürsten Konstantin über seine 6. Sinfonie informierte. Immerhin versuchen bis heute ganze Dirigentengenerationen, genau jenes Leidensprogramm zu assoziieren, dem Tschaikowskis Bruder Modest auch noch den handfesten Titel „Pathétique“ verlieh.
Um es gleich zu sagen: Der kanadische Dirigent Yannick Nézet-Séguin hält so gar nichts von dem großen Schluchzen und Seufzen, mit dem man sich bereits am Eingangssatz sowie am finalen „Lamento“ schon unzählige Male vergangen hat. Und auch die Tempi besitzen jetzt Rückgrat und werden nicht verschleppt, um das Gefühlsklima bis an den Rand des Weinerlichen aufzuladen. Andererseits fehlt dieser Neuaufnahme auch jene analytische Straffheit, mit der sich gerade Georg Solti oder Eugene Ormandy mit ihren amerikanischen Toporchestern diesen Hit vorgeknöpft haben. Vielmehr hat sich Nézet-Séguin mit seinem Rotterdam Philharmonic Orchestra für einen Mittelweg entschieden, auf dem genau zwischen Sentiment und Sentimentalität und zwischen substanzreicher Brillanz und oberflächlichem Effekt unterschieden wird. Und diese Marschrichtung hat sich äußerst erfreulich, ja beeindruckend ausgezahlt. Allein die Streicher sind schon im ersten Satz die Ruhe selbst – eine unheimliche Ruhe, genauer gesagt. Und im Finale singt man dieses bittersüße Melos in Reinform und mit Mahler-Zungen aus, ohne gleich den Weltuntergang zu beschwören. Stattdessen besitzt dieser Satz trostspendende Wärme, während Nézet-Séguin gleich zu Beginn auch die hereinbrechenden Explosionen in der Durchführung nicht einfach als Stimmungskontrastmittel begreift, sondern als Teil einer großen, leidenschaftlichen Erzählung. Klar und doch mit „Seele“ wird der zweite Satz gespielt. Und das Allegro molto vivace besitzt hier einen „fantastischen“ Drive, als wär´s russischer Berlioz. Nach dieser hellwach das Hintergründige ausmusizierenden Sinfonie gibt Nézet-Séguin dann noch seine CD-Premiere als Pianist bzw. Kammermusiker. Gemeinsam mit der georgischen Violinistin Lisa Batiashvili hat er sieben Tschaikowski-Romanzen aus den Heften opp. 6 & 73 aufgenommen – und bringt all die Leidenschaften gefühlvoll statt gefühlig zum Sprechen.

Guido Fischer, 26.10.2013



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