Das einzigartige Textkonvolut der 150 Psalmen beschäftigte Dank seines ungeheuer vielfältigen Ausdrucksspektrums jahrhundertelang Legionen von Kirchenmusikern. Heinrich Schütz‘ „Psalmen Davids“ stellen innerhalb dieser spektakulären Vertonungsgeschichte einen Meilenstein dar, denn unter seinen Händen wurde eine kluge Auswahl der Psalmentexte auf Basis der Luther-Übersetzung unter Verwendung der seinerzeit modernsten kompositorischen Mittel zyklisch zu Musik. Moderne kompositorische Mittel – das heißt einerseits: Musik und Text treten in eine enge Beziehung zueinander, die so intensiv ist, wie dies vielleicht seit der Gregorianik des ersten nachchristlichen Jahrtausends nicht mehr möglich gewesen war. Andererseits konzertieren Stimmen und Instrumente auf neuartige Weise miteinander: Schütz hatte dieses kreative Konzertieren in Venedig bei seinem Lehrmeister Giovanni Gabrieli quasi an der Quelle studieren können.
Eine so markante Sammlung war nicht nur damals eine große interpretatorische Herausforderung – sie bleibt es auch heute. Hans-Christoph Rademann hat sich mit der gewohnten Gründlichkeit auch diesem Werk gewidmet, hat Entscheidungen getroffen, die seinem Grundsatz „historisch informiert, heute interpretiert“ entsprechen. Sein Stimmton ist nicht, wie heute bei frühbarocker Musik gebräuchlich, 465 Hertz, sondern 440: Das schont vor allem die Diskantstimmen und stellt sicher, dass an der Spitze des Chorklangs sehr textverständlich agiert werden kann. Überhaupt ist seine Darbietung trotz reicher Instrumentalbesetzung eine ausgesprochen „vokale“: Die Textdeklamation via Gesang steht absolut im Vordergrund, sie ist niemals bloß Anhängsel eines sprachlich indifferenten Gesamtklangs. Sprachliche Prägnanz garantiert auch die erstklassig zusammengestellte Riege der Favoritsänger; besser kann man solche Musik wohl kaum besetzen.
Eigenartig hingegen ist, – und dies ist der einzige Kritikpunkt – dass man auf Affektebene durchgehend eine gewisse Zurückhaltung spürt. Die Heiden mögen toben, die sündige Seele mag noch so sehr Gottes Zorn fürchten: Das stets edle, großartig ausgewogene Klangbild gerät niemals durch das Streben nach Expressivität in „Bedrängnis“. An diesem Punkt hätte etwas mehr Wagemut vielleicht zu einem noch mitreißenderen Gesamtergebnis geführt.

Michael Wersin, 02.11.2013



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