Als kritischer Geist mag man sich immer wieder einmal fragen, welche Laune der Vorsehung wohl die erotische Poesie des Hoheliedes Teil des Alten Testaments hat werden lassen: Die mit den Kirchenvätern einsetzenden exegetischen Klimmzüge, diese Texte in die christliche Lehre zu integrieren, lassen doch immer wieder einmal schmunzeln. Wie auch immer: Für die geistliche Musiktradition war die Kanonisierung dieses literarischen Bestandes ein Glücksfall ohnegleichen – man übertreibt gewiss nicht, wenn man konstatiert, dass vor allem das barocke Repertoire um einiges ärmer wäre ohne „Mein Freund ist mein“, „Ich suchte des Nachts“, „Ich bin eine Blume zu Saron“ oder „Quam pulchra es amica mea“.
Das Ensemble Movimento präsentiert auf dieser CD einige Perlen aus dem schier unüberschaubaren Bestand der Vertonungen aus der Barockzeit. Nele Gramß und Harry van der Kamp agieren vokal ebenso unprätentiös wie gediegen als die wortbegabten Protagonisten der Gruppierung, die erfahrenen Instrumentalisten beteiligen sich auf ihre Art nicht minder eloquent an der sinnenfrohen Vermittlung der hochsinnlichen Botschaften. In den schönsten Momenten fließt die anmutige Grazie der Darbietung mit der zeitlosen Schönheit der Kompositionen zu einem mitreißenden Ganzen zusammen. Eine wirklich erfreuliche CD.

Michael Wersin, 16.11.2013



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