Zunächst war das ein belächeltes Unternehmen. Zum 250. Bachtodestag im Jahr 2000 unternahm John Eliot Gardiner mit seinem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists eine als „Pilgrimage“ ausgewiesene Kantaten-Reise durch ganz Europa, die ihn jedes Wochenende in eine andere Kirche führte, wo er sämtliche überlieferten Gottesdienstmusiken des Thomaskantors aufführte. Das heißt: 198 Kantaten, je drei in einem von 59 Konzerten, wurden gespielt. Drei Gruppen von Chor und Orchester wechselten sich ab. 282 Musiker spielten in 50 Städten und zwölf Ländern. 15 Millionen Euro kostete das Unternehmen.
Natürlich waren die Bedingungen dabei nicht immer optimal. Man spielte und musizierte mal in einer der historischen, mit Bach untrennbar verbundenen Kirchen in Mitteldeutschland, dann wieder in kleinen Kapellen auf den schottischen Orkney Inseln und sogar in New York. Mal war die Akustik lausig, mal wunderbar, mal waren die Mitwirkenden motiviert, mal vom Tourstress gefrustet oder gar krank.
Doch der geradlinige Sir John Eliot, nicht umsonst seit längerem auch als Landwirt tätig, zog seinen Komplettdurchlauf durch Gottes klingenden Kantatengarten so eisern wie diszipliniert durch. So entstanden bei den obligatorischen Mitschnitten die aufeinander aufbauenden Dokumente einer lebenslänglichen Leidenschaft und Erfahrung. Da ist nichts Zwanghaftes, aber viel Beglückendes zu konstatieren. Die Erfahrung aller Beteiligten wuchs mit dem Voranschreiten des einzigartigen Projekts.
Die Deutsche Grammophon, Gardiners Stammlabel, wollte damals freilich nur vier CDs als Best of veröffentlichen. So nahm Gardiner auch das in seine schmale, aber unerbittliche Hand. Er gründete die eigene CD-Firma „Soli Deo Gloria“, benannt nach der Formel, mit der Bach seine Kompositionen zeichnete, und veröffentlichte über die folgenden zehn Jahre 28 Doppel-CDs, immer mit Covern des preisgekrönten Fotografen Simon McCurry. Die sind jetzt – samt den vier DG-Einzel-CDs sowie einer CD-ROM mit allen notwendigen Begleittexten – vorübergehend als limitierte platz- wie geldsparende Edelbox erhältlich. Wahrlich eine Großtat in einer kleinen Kiste.

Matthias Siehler, 07.12.2013



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top