Johann Sebastian Bach

Messen Vol. I: BWV 233 & 235, Kantate BWV 102

The Sixteen, Harry Christophers

CORO/Note 1 COR16115
(74 Min., 5/2013)

 

Johann Sebastian Bach

Messen BWV 232 & 236, Motetten

Pygmalion, Raphaёl Pichon

Alpha/Note 1 ALP816
(179 Min., 10/2007, 10/2009, 11/2011) 3 CDs

 

Die Ignoranz, die man in noch nicht allzu lang vergangener Zeit Johann Sebastian Bach gegenüber an den Tag gelegt hat – obwohl man ihn grundsätzlich ja teilweise beinahe als Heiligen verehrte! –, ist atemberaubend: Wenn Bach z.B., ganz der barocken Praxis gemäß, eigene Musik nach entsprechender Bearbeitung in neuen Werkzusammenhängen wiederwendet hat, dann hielt man auf diese Weise entstandene Werke automatisch für minderwertig. Solchen Vorverurteilungen, wie sie sich zu Hauf z.B. in Albert Schweitzers berühmter Bach-Biografie finden, fielen auch die vier lutherischen Messen Bachs zum Opfer: Ihnen liegt weitgehend Musik aus Kantaten zu Grunde, die Bach zu diesem Zweck neu textiert und überarbeitet hat.
Nachdem die Qualität dieser Werke heutzutage endlich nicht mehr in Frage steht, darf der interessierte Hörer sich auch über eine Reihe von guten Einspielungen dieser Stücke freuen. Favorit bleibt für den Rezensenten nach wie vor die solistisch besetzte Version vom „Purcell Quartett“ mit Robin Blaze, Peter Harvey, Mark Padmore und Susan Gritton bzw. Nancy Argenta. Daran ändern auch die nun als Box erschienene Einspielung von „Pygmalion“ und die bis jetzt zur Hälfte vorliegende Neueinspielung von „The Sixteen“ nichts.
Harry Christophers besetzt seine „Sixteen“ hier mit zwei Sängern pro Stimme, das Orchester im Streicherbereich etwas stärker. Als Solisten für die Arien agieren mehr oder weniger idiomatisch jeweils einzelne Ensemblesänger. In den Tempi ist Christophers sehr zurückhaltend – der Tanzcharakter des „Kyrie“ der g-Moll-Messe etwa kommt nicht zur Geltung. Der Ensembleklang ist dicht, in bewegteren Passagen gelegentlich etwas klebrig. Besonderheit: Christophers liefert in dieser und der für 2014 zu erwartenden zweiten Folge jeweils eine der als Parodievorlage verwendeten Kantaten mit. Beim Ensemble „Pygmalion“ ist der Chor mehr als doppelt so stark besetzt, die Tempi fallen gleichzeitig deutlich sportlicher aus, was im Vergleich als Plus zu werten ist. Die Solisten kommen nicht aus dem Ensemble und erreichen im Schnitt nicht die interpretatorische Prägnanz, die in der oben erwähnten Belegaufnahme vorherrscht. „Pygmalion“ liefert in der Box auch die 1733er Frühfassung des „Kyrie“ und „Gloria“ der „Messe h-Moll“ mit, außerdem einige seltener zu hörende Motetten.
Eine sprachliche Crux der Neueinspielung von „The Sixteen“ ist die vermaledeite italianisierende Aussprache des Lateinischen: Erstens hat sie bei Bach nichts verloren (vielleicht sollte man es mal mit Sächsisch versuchen), zweitens hat sie mit den tatsächlich sehr differenzierten Vokalfarben des Italienischen auch nichts zu tun. Es ist nichts als maulfauler angelsächsischer Einheitsbrei.

Michael Wersin, 07.12.2013




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