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Johann Sebastian Bach

Kantaten Vol. 17 (BWV 186, 168, 134 & 54)

La Petite Bande, Sigiswald Kuijken

Accent/Note 1 ACC 25317
(75 Min., 7 & 9/2005, 4/2009, 12/2012) SACD

Immer wieder ist es erstaunlich, wie breit das Spektrum der interpretatorischen Möglichkeiten Alter Musik auch unter der Überschrift „historisierende Aufführungspraxis“ noch ist: Gerade hat René Jacobs mit seiner Einspielung der „Matthäus-Passion“ die Frage der Chor-Besetzungsgröße wieder vehement auf den Tisch gebracht, indem er sich u.a. mit Verweis auf die schiere Größe der Thomaskirche dezidiert für eine vergleichsweise große Sängerzahl entschieden hat. Fast gleichzeitig legt Sigiswald Kuijken im Rahmen seiner Bachkantaten-Serie wieder eine Folge in Minimalbesetzungsstärke vor. Wenn so kammermusikalisch durchsichtig musiziert wird wie hier, dann kann auch eine Sängerin wie Petra Noskaiová, die wahrlich nicht zur Kategorie der wagnerhaft timbrierten Dröhn-Altistinnen gehört, sich an die teils grausam tief gelegene Solokantate „Widerstehe doch der Sünde“ wagen, die man heutzutage sonst eher von Countertenören zu hören gewohnt ist.
Aber die Verschiedenheiten manifestieren sich auch auf anderer Ebene: Während sich bei Jacobs eine differenziert besetzte Continuo-Gruppe besonders in den Rezitativen immer wieder auf frappierend bildhafte Weise an der Textausdeutung beteiligt, liefern Kuijkens Truhenorgelspieler vergleichsweise (Schwarzbrot-)artige Akkordfolgen, auf deren Hintergrund dann wundervoll timbrierte, erzählbegabte Vokalisten wie die genannte Petra Noskaiová oder auch der Bassist Jan van der Crabben bei der möglichst wirkungsvollen Wiedergabe der bibelwortgesättigten geistlichen Poesie ganz auf sich allein gestellt sind. Dass auch das funktioniert, beweisen sie u.a. in der Kantate 186 „Ärgre dich, o Seele, nicht“, die als zweiteiliges Hauptwerk dieser Folge gleichzeitig wohl eine der eigenwilligsten Gottesdienstmusiken Bachs ist. Wer möchte entscheiden, was die fesselndere, was gar die richtigere Art ist, solche Musik darzubieten? Eine Sopranistin wie die ebenfalls in BWV 186 zu hörende Siri Thornhill braucht sicher keinen Continuo-Zauber, um erheblichen Glanz zu entfalten. Dennoch dürften Kuijkens Continuo-Künstler hier und da ein wenig kreativer sein.

Michael Wersin, 14.12.2013



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