Es ist eine editorische Großtat: Endlich gibt es (fast) alle Bach-Kantaten-Einspielungen Karl Richters, entstanden zwischen 1958 und 1978, auf CD, versammelt in einer Box von 26 Silberscheiben. Darüber begeistert sich hier ein Rezensent, der, selbst Musiker und Musikwissenschaftler, im jugendlichen Alter seine ersten fesselnden Begegnungen mit Bachs Vokalwerken durch ebenjene Einspielungen Karl Richters erlebte – noch immer ruhen die alten Schallplattenboxen von damals in Kisten auf dem Dachboden. Jung genug, um das Hereinbrechen der „historisierenden Aufführungspraxis“ als 18-Jähriger dann als fundamental wichtigen, auch für die Bachinterpretation unumkehrbaren Meilenstein zu erleben, hat der Rezensent seine zuvor gemachten tiefen Erfahrungen mit Richters Versionen dennoch nicht vergessen. Beim Nachlauschen mit einem Abstand von über zwei Jahrzehnten überwiegt die Wiederhörensfreude: Wie schön war das Timbre der englischen Altistin Anna Reynolds, die Anfang der 70er Jahre im Münchner Herkulessaal einige der herrlichen Altarien für die Schallplatte verewigen durfte. Wie penetrant konnte andererseits das angespannte Timbre der Schweizer Sopranistin Edith Mathis sein, die Richter sehr gern beschäftigte: Dass ihr „Jauchzet Gott in allen Landen“ hier fehlt, scheint sinnvoll, denn man hat sich stattdessen für die frühere Einspielung mit Maria Stader entschieden. Merkwürdig, dass gerade der als Bach-Spezialist geltende Peter Schreier sprachlich oft so ungelenk agiert – und noch merkwürdiger, dass Dietrich Fischer-Dieskau, dessen Beiträge zu Richters Bach der Autor dieser Zeilen seinerseits geradezu manisch suchte und zutiefst bewunderte, tatsächlich „keine Koloraturen konnte“, wie schon früher gespottet wurde, und dass seine am Liedgesang geschulte suggestiv-manipulative Art der Sprachbehandlung bei Bach für heutige Ohren geradezu grotesk wirkt: Warum singt der Mann nicht einfach mal!?
Vieles hört man also heute mit ganz anderen Ohren: Richters Bach federt nicht im historisierenden Sinne, sondern er stampft gleichförmig dahin. Sein Münchener Bachchor singt erstaunlich diszipliniert, aber oft grell (vor allem die Tenöre). Die Registrierung der Continuoorgel und die Ausführung dieses Parts sind oft starr und künstlich. Und doch: Es handelt sich um einen in sich geschlossenen, auf seine Art hochelaborierten Bach-Interpretationsstil, der Bewunderung abnötigt und durchaus seine vielen, vielen schönen Momente hat. Die Arien der Mathis-Vorgängerinnen, Ursula Buckel und Lotte Schädle, ja sogar die Arien des Wagner-Heroen Theo Adam haben Charme, und das handverlesene Münchener Bach-Orchester zelebriert so wundervolle Stücke wie das Vorspiel von „Sie werden aus Saba alle kommen“ durchaus auf mitreißende Weise.

Michael Wersin, 04.01.2014



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