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Ferruccio Busoni

Späte Klaviermusik

Marc-André Hamelin

Hyperion/Note 1 CDA67951
(195 Min., 4/2011 & 8/2012) 3 CDs

Wie es um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in den Künsten allenthalben brodelte und gärte, fasziniert bis zum heutigen Tage. Dabei sind nicht nur die spektakulären Skandalereignisse wie die Uraufführung von Strawinskis „Sacre“ in Paris oder das Wiener „Watschen-Konzert“ von Interesse, sondern auch die kleineren Revolutionen, die aus den Studierstuben experimentierfreudiger Musiker ihren Weg an die Öffentlichkeit nahmen. In diesem Zusammenhang ist es lohnenswert, sich in die merkwürdigen Klavierwelten des deutsch-italienischen Virtuosen-Komponisten Ferruccio Busoni zu vertiefen. Im glitzernden Gewand seiner Tastenakrobatik verbergen sich einerseits Versuche mit erweiterter Harmonik bis hin zur Bitonalität, Erprobung neuer formaler Konzepte und das Ringen mit der Frage, wie sich Musik nach dem Untergang traditioneller Formen auf neue Weise fortzubewegen vermag. Andererseits ist da immer wieder der Rückbezug auf Vergangenes, vor allem auf die Musik von J. S. Bach, deren Materialien und Verarbeitungstechniken Busoni offenbar tiefgreifend beschäftigt und fasziniert haben. In Vielem ähnelt sein Experimentieren und Streben dem, was auch der späte Liszt unternahm, um der Musik den Weg in die Zukunft zu erschließen.
Es braucht einen technisch hochversierten, intellektuellen Pianisten wie Marc-André Hamelin, um Busonis teils eigenwillige, teils gar verstiegene Elaborate dem Publikum zu vermitteln. Nur wer die technischen Hürden spielend bewältigt und als umfassend Belesener und Gebildeter in die eigentlichen Sinnschichten der Werke vordringt, kann Interesse wecken für eine Musik, die über weite Strecken vor allem aus ihrer Zeit heraus zu verstehen ist – ähnlich wie eben auch der späte Liszt. Ein ausführlicher Beihefttext hilft dem Hörer zusätzlich beim Entschlüsseln dieses spannenden Repertoires. Höchst dankenswert, dass sich Künstler und Produzenten immer wieder mit solcher Sorgfalt und solchem Engagement auch den Randbereichen des Repertoires widmen.

Michael Wersin, 18.01.2014



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