John Eliot Gardiner und Philippe Herreweghe haben mit ihren ersten historisch informierten Einspielungen von Beethovens „Missa solemnis“ in den 90er Jahren Maßstäbe gesetzt. Beide haben nun jeweils eine zweite Aufnahme nachgeschoben: Herreweghe präsentierte 2012 seine Zweitversion, Gardiner tat es kürzlich. Man mag kaum glauben, dass das ein Zufall ist. Dabei sind die Unterschiede zwischen den Interpretationshaltungen der beiden Dirigenten heute so klar wie vor 20 Jahren: Herreweghe legt Wert auf eine möglichst makellose Oberfläche, die leicht zu einem sterilen Klangbild führen kann. Gardiner hingegen wagt seit jeher mehr: Bei ihm darf der Chor mal etwas uneinheitlich, darf ein Solist mal etwas rau klingen, wenn es dem Ausdruck dient. Bei seiner Neuaufnahme kommt der Live-Aspekt hinzu: Schon gleich am Anfang des „Kyrie“ z. B. wackelt es einmal, und auch der furiose „Gloria“-Beginn klappert kurzzeitig – dafür prescht das „Gloria“ bei Gardiner allerdings auch wirklich mit haltloser Begeisterung los, während bei Herreweghe immer ein kleines Kontrollmännchen im Hinterkopf dafür sorgt, dass Ästhetik vor einer Expressivität um jeden Preis rangiert.
Dem Rezensenten ist Gardiners Ansatz weitaus lieber: Gerade bei einem Werk wie Beethovens feierlicher Messe, innerhalb derer aufgeklärte Individuen unter dem Eindruck der erfolgten Säkularisierung um eine neue Beziehung zu ihrem Gott ringen, dürfen Emotionalität und Spontaneität kleine Reibungen erzeugen. An Glätte und Sterilität war auch Beethoven sicher nicht gelegen: Gardiner versteht es, sein Ensemble im Geiste des Stücks mitzureißen; Sänger wie Instrumentalisten scheinen nicht zu zögern, alles zu geben. Der „Sanctus“-Beginn ist eine weitere Belegstelle für die Schlüssigkeit dieses Konzepts: Wie warmherzig und gleichzeitig ehrfürchtig und scheu treten hier die Menschen zunächst ihrem Gott gegenüber – und wie rückhaltlos brechen sie dann bei „Pleni sunt coeli“ in Jubel aus. Das geht unter die Haut.

Michael Wersin, 22.02.2014



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