Ludwig van Beethoven, Franz Schubert

Klaviersonate As-Dur op. 110, Klaviersonate B-Dur D. 960 u.a.

Menahem Pressler

BIS/Klassik Center Kassel BISSACD 1999
(71 Min., 2 & 3/2012) SACD

 

Franz Schubert, Ludwig van Beethoven

Klaviersonate G-Dur D. 894, Bagatellen op. 126 u.a.

Menahem Pressler

(71 Min., 5/2013) La dolce volta/harmonia mundi LDV 12

 

Wer die schönen Porträts betrachtet, die die beiden „Debut“-CDs des 90-jährigen Menahem Pressler zieren, blickt in das Gesicht unzerstörbarer Vitalität und Lebensfreude – ein Vorgeschmack auf den Geist dieser ungewöhnlichen Feierstunden. Es ist schon das reinste Wunder, in einem solchen Alter überhaupt auf einem Niveau zu musizieren, das dem Rezensenten jede gönnerhafte Schonungsrhetorik verbietet. Doch staunenswerter noch, dass ein Mann, dessen Leben alles andere als bruchlos-glücklich verlief, in seinem Klavierspiel soviel Glück und Gelassenheit ausstrahlt. Der Ertrag ist nirgendwo herrlicher als in Schuberts Fantasie-Sonate D. 894. Nach einer Dreiviertelstunde mit einem letzten achtelpochenden Gruß aus diesem G-Dur-Traum entlassen, wird man die reife Kunst bewundern, diesen nichtendenwollenden Strom eines physisch regelrecht wohltuenden, warmen Klaviertons so kontrolliert durch die Fantasieform zu lenken und die vorhandenen Brüche und unverhofften ff-Aufwallungen, etwa im zentralen Couplet des Finales, bloß ahnen zu lassen. Noch das oft stampfende, um den nötigen Energiezufluss ringende Thema des dritten Satzes wird in dieses Strömen eingebunden, und selbst ein Schlüsselmoment wie die Rückkehr ins magische G-Dämmerlicht des Reprisenbeginns, die daran erinnern könnte, dass das Ganze immer noch sonatenhaft angelegt ist, wird allenfalls lässig angedeutet. Das erzeugte Gebilde aber ist von kompakter Naturhaftigkeit, als sei es gar nicht komponiert.
Die B-Dur-Sonate D. 960 erzwingt von ihren Interpreten dagegen ein persönlicheres Bekenntnis, doch ein Weltabschied wird es bei Pressler nicht. Auch als Kammermusiker im Beaux Arts Trio neigte er nicht zu Ausdrucksextremen, sondern eher zu einem sehr humanen Konversationston. Allzu tief mag er in die traurigen Abgründe des Andantes nicht blicken – es bleibt tröstliche, gefasste Musik, eine Fassung, die Pressler auch im Finaljubel des Beethovenschen Opus 110 nicht aufgibt. Er schließt nicht in Ekstase, sondern mit dem positiven Fazit eines musikalischen Verlaufs. Wem dieses Spiel ein wenig zu versöhnlich in der Mitte ruhend ist, kann in den späten Bagatellen op. 126 erleben, dass dieses „sanfte Gesetz“ ein in immer gleicher Ruppigkeit dargebotenes Werk in ein so unerhörtes Licht stellt, dass es sich in ein pastorales Landschaftsbild zu verwandeln scheint – eine Lesart milder Radikalität, so paradox das klingt. In der unendlichen Bordunbass-Träumerei der Nr. 4 ist die Grenze in Schuberts Reich schon fast übertreten. Wenn man denn schon von Altersstil reden will, dann wärmt die Sonne, die schon tief steht, jedenfalls ganz beachtlich.

Matthias Kornemann, 01.03.2014




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