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Sergei Rachmaninow

Préludes, Sonaten, Bearbeitungen

Sergio Fiorentino

Piano Classics/Edel PCLD0065
(150 Min., 5/1962, 8/1963, 10/1994 & 10/1995) 2 CDs

Wir gestehen beschämt: Auch wir kannten ihn nicht. Dass der 1998 mit 70 Jahren verstorbene italienische Pianist Sergio Fiorentino bis heute nur wenigen Leuten ein Begriff ist, hat sicher mit seiner Bescheidenheit zu tun und mit seiner Unfähigkeit, dem eigenen Wert gemäß von sich reden zu machen. Indes zeugt eine Aussage des diesbezüglich exakt gegenteilig disponierten Arturo Benedetti Michelangeli, dass Fiorentino zumindest in Fachkreisen nicht durchweg verkannt worden ist: „Der einzige andere Pianist“ sei Fiorentino, soll Michelangeli gesagt haben.
Hört man die rund 150 Minuten Rachmaninow, die Fiorentino hinterlassen hat, dann möchte man am liebsten ein neues Vokabular erfinden, um diese Darbietungen zu loben: Selbst das abgedroschene cis-Moll-Prélude gerät unter den Händen des Italieners zu einem atemberaubenden Erlebnis. Wie ist das möglich? Fiorentino ist ein Meister des oberstimmigen Spiels, und er ist ein Meister der subtilen Agogik. Er vermag auf dem Klavier zu singen (wie banal klingt das, und wie selten ist es doch in dieser Qualität zu erleben!), und er vermag mit winzigsten Verzögerungen differenziert Akzente zu setzen – er ist wie ein guter Sprecher mit einer einnehmend temperierten Stimme, der einen Text so vortragen kann, dass es dem Hörer unter die Haut geht.
Kurz vor Schluss dieser grandiosen Tour de force durch Rachmaninows Préludes und Sonaten begegnet einem dasselbe Faszinosum noch einmal höchst eindringlich mit Rachmaninows eigener Bearbeitung seiner „Vocalise“ – auch hier agiert Fiorentino mit nicht mehr zu übertreffender Feinfühligkeit. Dazwischen erlebt der Hörer die Bemeisterung zahlloser technischer Perversionen, sodass ihm mehr als einmal Hören und Sehen vergeht. Aber auch im größten Getümmel behält Fiorentino – was ist er für ein begnadeter Techniker! – in jeder Sekunde seine Souveränität des aussagekräftigen Gestaltens bei. Es erstaunt nicht, dass er Rachmaninows eigene Interpretationen seiner Werke sehr geschätzt hat: Auch Fiorentino hat einiges von jener unprätentiösen Klarheit, jener rätselhaften nüchternen Intensität, die das Spiel des Russen auszeichnete.

Michael Wersin, 15.03.2014



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