Responsive image

Mehliana: Taming The Dragon

Brad Mehldau, Mark Guiliana

Nonesuch/Warner 7559795795
(72 Min.)

Der Drache ist Brad Mehldaus Wappentier. Er trägt ihn eintätowiert auf dem Arm, als Erinnerung daran, dass es die zerstörerischen Kräfte im Inneren zu kontrollieren und in etwas Positives zu verwandeln gelte, wie er sagt. Mehldau hat im Laufe seiner Karriere schon viele Methoden der Drachenzähmung angewandt: Mal als begnadeter Dompteur von Jazzstandards und Pop-Stücken mit seinem gefeierten Trio, mal im Zauber-Gespann mit Pat Metheny, mal als sensibler Ritter im Dienste von prinzessinnenhaften Sängerinnen wie Renée Flemming oder Anne Sofie von Otter.
„Taming The Dragon“ ist nun der für langjährige Mehldau-Fans womöglich verwirrendste Versuch, den inneren Energien Herr zu werden. Das Klavier als verlässlicher Helfer hat ausgedient, es ist nur noch eine Geräuschquelle unter vielen. Im unter dem Namen „Mehliana“ zusammengefassten Duo mit dem Schlagzeuger Mark Guiliana dominieren rülpsende Moog-Bässe, wabernde Synthesizerwolken, die dem Anschein nach aus Retro-Geräten wie dem DX7 oder dem Prophet entströmen, sowie ein extrem verhalltes E-Piano.
Im Stile eines Beat-Poeten erzählt Mehldau im Titelstück von einem absonderlichen Traum, mittenmang gibt es immer wieder plötzliche Eruptionen von Tasteninstrumenten und Schlagzeug. Es ist ein ständiges Stop-and-Go, das alle 12 Stücke der Aufnahme durchzieht. Die Assoziationen sind vielfältig: Man denkt an Joe Zawinul und Jaco Pastorius, wenn Mehldau Synth-Bass und Rhodes-Melodien im Frage-Antwort-Spiel aufeinandertreffen lässt, an Tangerine Dream, wenn die Sounds allzu seltsam werden, aber auch an Meister der skurrilen Extravaganz wie Uri Caine und sein Bedrock-Projekt. Guiliana unterfüttert das alles mit flirrenden Rock- und Drum&Bass-Grooves.
„Taming The Dragon“ ringt mit dem Drachen auf gewollt unausgegorene und fragmentarische Weise. Alles in allem klingt es wie ein Trip ins Unterbewusstsein von Jazzmusikern, die es gerne mal bizarr krachen lassen möchten.

Josef Engels, 15.03.2014



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top