Responsive image
Mieczysław Weinberg

Sonate Nr. 3, Concertino, Sinfonie Nr. 10 u.a.

Gidon Kremer, Kremerata Baltica, Daniil Grishin, Giedré Dirvanauskaité, Daniil Trifonov

ECM/Universal 4810669
(101 Min., 11/2012, 7/2013) 2 CDs

Der kompositorische Nachlass von Mieczysław Weinberg kann sich allein vom Umfang her sehen lassen. Über 20 Sinfonien, zehn Solo-Konzerte und sechs Opern hat der Pole geschrieben. Hinzu kommen über ein Dutzend Streichquartette sowie Solo-Sonaten. Und trotzdem: Obwohl Weinbergs Werke gar von solchen Größen wie David Oistrach und Mstislav Rostropowitsch uraufgeführt wurden, ist sein Name zumindest im westlichen Konzertbetrieb nie großartig in Erscheinung getreten. Erst in den letzten Jahren hat sich Gidon Kremer zusammen mit den Musikern seiner Kremerata Baltica live für das Schaffen Weinbergs eingesetzt, der 1919 in Warschau geboren wurde und 1996 in Moskau verstarb.
Nun hat Kremer fünf Orchester- und Kammermusikwerke eingespielt, die zwischen 1948 und 1979 entstanden sind. Und wenngleich sie kompositorisch bisweilen äußerst gegensätzlich angelegt sind (mal erklingen jüdische Weisen, mal wie in der 10. Sinfonie frei Zwölftöniges), schwingt in ihnen allen der Lebens- und Leidensdruck mit, dem Weinberg in seiner sowjetischen Wahlheimat ähnlich ausgesetzt war wie sein Freund, Mentor und sogar Beschützer Schostakowitsch. Weinbergs markant introvertierte Lyrik als Ausdruck existenzieller Nöte findet sich daher auch im ältesten Werk dieser Aufnahme, in dem Concertino für Violine und Streichorchester op. 42. Fast wie ein durchgehender Hilferuf wirken die drei Sätze selbst da, wo – wie im Eröffnungssatz – plötzlich tänzerische Entspanntheit einkehrt. Hier wie in der 3. Solo-Sonate für Violine op. 126, die 1979 komponiert wurde und ein einziges, über 20-minütiges Melodrama ist, erweist sich Kremer als ein aufregend und abenteuerlich zupackender Herzblutmusiker. Und wie schon bei seinen Engagements für ähnlich vom Sowjetsystem ins Visier genommene Querköpfe wie Schnittke und Gubaidulina muss Kremer nicht pathetisch dick auftragen, um einem den Schmerz und die Sehnsucht in Weinbergs Musik entgegenzuschleudern. Und so geht einem gleichermaßen das spätromantische und zugleich leicht burleske Streichtrio (1950) genauso unter die Haut wie der elegische Fluss, mit dem die Sonatina (1949) für Violine und Klavier einsetzt. Diese Aufnahme muss man als überfällige Weinberg-Rehabilitation bezeichnen.

Guido Fischer, 15.03.2014



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Bloß kein BreX-mas: Da haben die Chefunterhändler ganze Arbeit geleistet, damit Theresa May und Jean-Claude Juncker endlich den Durchbruch bei den Brexit-Verhandlungen verkünden konnten. Doch grüne Grenzen und Binnenmarkt-Bestrebungen in Ehren – wie hoch wäre eigentlich der kulturelle Verlust Europas durch den Ausstieg der Briten zu beziffern? Wir meinen, gerade was Advent und Weihnachtszeit angeht ist der Beitrag des Vereinigten Königreichs kaum hoch genug zu schätzen, da die […] mehr »


Top