Was die prunkvolle Selbstinszenierung angeht, war Seine Majestät Ludwig XIV. bekanntermaßen einfach unersättlich. Und wer erst durch die riesigen Versailler Schlossanlagen mit ihren Brunnen und Kanälen wandelt, um danach die Gemächer, Säle und gar die Königliche Oper mit offenem Mund zu bestaunen, der vergisst gerne mal seine aufgeklärte Gesinnung. Und selbst in den Heiligen Hallen der Chapelle Royale verstummt man angesichts der zweistöckigen, mit Fresken und Blattgold ausgekleideten Gloire. Die Kapelle wurde zwar erst 1710 geweiht – und damit fünf Jahre vor dem Tod des Hausherrn. Doch hier dürfte der gebrechliche, weil von seinen Leibärzten arg malträtierte König mit jenem stolzen Rückgrat die tägliche Messe besucht haben, wie es dieser eifrige Kirchgänger in den Versailler Kapellen zuvor getan hatte.
Genau hier also hatte sich im vergangenen Jahr Vincent Dumestre mit seinem Ensemble Le Poème Harmonique sowie Chören und einem Sänger-Quintett für ein Konzert aufgebaut, bei dem Pauken und Trompeten prachtvoll in Szene gesetzt wurden. Immerhin standen auf dem Programm des mitgeschnittenen Abends zwei Monumente französischer Barockkirchenmusik. Es sind die musikalischen Huldigungsfeiern des Herrn im Himmel und vor allem auf Erden, geschrieben von Marc-Antoine Charpentier und Jean-Baptiste Lully. Nun sind die beiden „Te Deums“ nicht in der Chapelle Royale uraufgeführt worden, sondern in Paris (Charpentier) und in Fontainebleau (Lully). Die von den Mikrofonen äußerst differenziert eingefangenen, bewegend und schwungvoll ausmusizierten Klangpanoramen lassen aber keinen Zweifel, dass diese Werke eigentlich nirgendwo anders erschallen dürfen als an diesem Genius loci.

Guido Fischer, 29.03.2014



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top