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Anthony Holborne, John Dowland, Dietrich Buxtehude, Niel Gow u.a.

The Image Of Melancholy

Berit Norbakken Solset, Jon Balke, Milos Valent, Barokksolistene, Bjarte Eike

BIS/Klassik-Center BISSACD-2057
(66 Min., 10/2011 & 3/2012) SACD

Musik als Trostpflaster – auf diese Formel hatte bereits 1621 ein gewisser Robert Burton hingewiesen. In einer Zeit, als gerade in England die Melancholie grassierte. Dieser Trauerflor, der sich in den halbdunkelsten Farben um die Seele legte. Aber Burton kannte dafür eben das rechte Gegenmittel. In seinem Traktat „Anatomy Of Melancholy“ schrieb er: „Viele werden beim Anhören von Musik melancholisch, aber es ist eine lustvolle Melancholie, die so entsteht; und deshalb ist sie für Menschen im Zustand von Unzufriedenheit, Schmerz, Angst und Sorge oder Niedergeschlagenheit ein sehr probates Heilmittel: Es vertreibt den Kummer, wandelt den betrübten Geist und hilft im Augenblick.“ Anscheinend ist diese klingende Medizin mehr denn je vonnöten. Denn wenn man allein nach der Flut an Aufnahmen geht, mit denen man die elisabethanischen Ultra-Melancholiker um John Dowland feiert, ist es um die Seelenlage des Menschen im 21. Jahrhundert recht trüb gestellt.
In diese Gemütskerbe hat nun auch der norwegische Violinist und Gründer des Alte Musik-Ensembles Barokksolistene, Bjarte Eike, geschlagen. Nach dem gleichnamigen Consort-Stück von Anthony Holborne hat er sein Programm mit „The Image Of Melancholy“ benannt, bei dem neben den englischen Klassikern der Schwermut wie Dowlands „Sorrow, Stay“ und „Flow My Tears“ ein beklemmendes „Klag-Lied“ von Dietrich Buxtehude erklingt. Nicht weniger nachdenklich fällt „Die Kreuztragung“ aus Bibers „Mysteriensonaten“ aus. Und selbst unter den eingestreuten, skandinavischen und slawischen Volks- und Wiegenliedern findet sich ein traditioneller „Hochzeitsmarsch“, der einfach nicht in Schwung kommen will, sondern gedankenverloren in sich verharrt. Nein, vom Grundton her sind 17 der insgesamt 20 eingespielten Stücke keine Stimmungsaufheller. Aber wie Mr. Burton eben schon vor fünf Jahrhunderten zu Recht festgestellt hat, lassen sich selbst der hartnäckigsten Wehmut und Tristesse herzerwärmende Seiten abgewinnen. Voraussetzung dafür ist, dass man so ein einfühlsam agierendes, mit der nötigen Sinnlichkeit und Klangschönheit ausgestattetes Ensemble um sich scharen konnte, wie es Bjarte Eike gelungen ist. Mit ihrem silbrigen Sopran lässt Berit Norbakken Solset einen nicht mehr los. Und wenngleich Milos Valent von Hause eigentlich Bratscher ist, schwingt er sich mit seiner rauen Stimme in Höhen und Regionen auf, die einem unter die Haut gehen und zugleich Gänsehaut auslösen. Melancholie kann eine Freude sein.

Guido Fischer, 05.04.2014



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