Wenn aus Senta Minna wird und der fliegende Holländer auf den Namen „Troïl“ hört, ist man schon mittendrin in einem sonderlichen Stück Operngeschichte. Noch Anfang 1841 hatte sich Richard Wagner erhofft, mit der französischen Fassung seines „Holländers“ in der Opernmetropole Paris durchzustarten. Doch es sollte alles ganz anders kommen. Aus Geldnot verkaufte er die Prosaskizze seiner Geschichte an den örtlichen Opernintendanten Léon Pillet. Und der wiederum fand den Stoff so bühnenreif, dass er den in Dijon geborenen Komponisten Pierre-Louis Dietsch mit der Vertonung beauftragte. Und so kam es, wie es kommen musste: Im November 1842 wurde Dietschs französischer Holländer unter dem Titel „Le vaisseau fantôme“ an der Pariser Oper uraufgeführt. Wagner hingegen hatte sich noch bis zum 2. Januar 1843 zu gedulden, bis seine überarbeitete Endfassung der Pariser Urversion in Dresden zum vollen Erfolg wurde. Heute ist das Werk Dauerbrenner auf allen Spielplänen. Dietschs „Geisterschiff“ sollte dafür nach nur wenigen Aufführungen schnell und für die nächsten 170 Jahre in Vergessenheit geraten.
Jetzt ist es wieder aufgetaucht! Dank Marc Minkowski, der diese Opernrarität zusammen mit Wagners Erstentwurf mit jeweils einem fast komplett neuem Sängerensemble aufgenommen hat. Doch allein schon musikalisch und dramaturgisch liegen zwischen den beiden Werken Welten. Denn im Gegensatz zum auch psychologischen Klangreichtum Wagners lässt Dietsch keinen Zweifel aufkommen, wie vernarrt er in die Grand Opéra und das italienische Belcanto-Fach eines Rossinis war. Dementsprechend hat speziell Sally Matthews als Minna reichlich Gelegenheit, mit ihrem strahlenden Sopran effektvoll zu brillieren. Und dass der selbst regelmäßig aufschäumende Offenbach-Ton Minkowski und seinen Originalklangmusikanten liegt, versteht sich fast von selbst. Richard Wagners „Fliegenden Holländer“ von 1841 hätte man einerseits zwar nicht als Steigbügelhalter gebraucht, um sich mit dieser unbedingt hörenswerten Trouvaille zu beschäftigen. Andererseits kann Minkowski auch bei Wagner zeigen, wie sich trotz hochgradiger Transparenz des Klangbilds ungemeine Tiefe erzeugen lässt. Und mit dem lyrischen Bass-Bariton Evgeny Nikitin, der seit 2012 das Image als „Bad Boy Bayreuths“ hat, erlebt man in der Titelrolle einen Stimmschauspieler, der das Konflikthafte genauso ´lebt´ wie Ingela Brimberg als Senta.

Guido Fischer, 12.04.2014



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