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Thomas Tallis

Missa “Puer natus est nobis”

The Cardinall’s Musick, Andrew Carwood

Hyperion/Note 1 CDA68026
(67 Min., 2/2013)

Mal wieder etwas Neues von Andrew Carwoods „Cardinall’s Musick“, jenem englischen Vokalensemble, das mit seiner Einspielung von William Byrds gesamter geistlicher Musik Furore gemacht hat. Bei der Lektüre der Besetzungslisten solcher Gruppen fällt immer wieder auf, wie sehr sich die Namen gleichen: Rebecca Outram etwa oder Carolin Trevor, Robert Macdonald oder Simon Whiteley sind in den verschiedensten Gruppen präsent, und doch klingen diese Ensembles mitunter erstaunlich verschieden – ein Lob auf die Gestaltungskraft von Leitern wie Andrew Carwood, die mit den erfahrenen Profis durchaus Individuelles zu gestalten vermögen. Das Markenzeichen der „Cardinall’s Musick“ ist seit jeher ein auffällig kräftiger, zupackender, nicht allzu vibratoarmer Klang; im Endergebnis führt dies oft zu einem sehr mitreißenden Hörerlebnis, gelegentlich allerdings gewinnt eine gewisse Grobheit die Oberhand.
Auf der vorliegenden CD mit katholischer Kirchenmusik von Thomas Tallis allerdings zeigt sich die Gruppe von ihrer besseren Seite: Die im Zentrum stehende Messe „Puer natus est nobis“ über einen gregorianischen Cantus firmus, deren teils recht redundante Klangfolgen anderen Ensembles schon Gestaltungsschwierigkeiten bereiteten, wird mit großer Stringenz bei erfreulicher dynamischer Differenziertheit recht überzeugend präsentiert. Langeweile macht sich allerdings breit bei der vorgeschalteten Darbietung des einstimmigen gregorianischen Introitus: Welche Erkenntnisse Carwood auch immer über die Interpretationspraxis des Cantus planus im England des 16. Jahrhunderts haben mag – so äqualistisch und steril gesungen ersetzt das Stück die Schlaftablette. Um die Messe herum gruppieren sich lateinische Stücke für die Stundengebetsliturgie, die in Tallis‘ Vertonung nicht allzu oft zu hören sind; sie stellen in dieser mustergültigen Darbietung eine Bereicherung auch für den Plattenschrank derjenigen Hörer dar, die schon die eine oder andere Tallis-CD besitzen.

Michael Wersin, 26.04.2014



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