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Brian Ferneyhough

Sämtliche Werke für Streichquartett und Streichtrio

Arditti Quartet

Æon/Note 1 AECD 1335
(180 Min., 2006, 2011, 2012) 3 CDs

Dass sich das in der Neuen Musik lange als antiquiert verschriene Streichquartett seit vier Jahrzehnten in einer der fruchtbarsten Phasen seiner Geschichte befindet, ist dem Arditti Quartet zu verdanken. Seit Irvine Arditti 1974 in London diese Viererbande gegründet hatte, gibt es immerhin nahezu keinen Komponisten von Rang, der nicht wenigstens ein kleines Stückchen für sie geschrieben hat. 400 Werke hat man mittlerweile ins Leben geschubst. Angefangen von „A“ wie Thomas Adès über die Lachenmanns und Rihms bis „Z“ wie John Zorn. Und seinem Ruf als Uraufführungsweltmeister wurde das Team einmal mehr 2010 bei den Donaueschinger Musiktagen gerecht, als man im Rahmen der ihm gewidmeten „QuArdittiade“ fünf neue Werke aus der Taufe hob – darunter das 6. Streichquartett von Brian Ferneyhough. In dem Zusammenhang gab der englische Komponist auch stellvertretend für seine Kollegen einen Satz zur Protokoll, der den unverminderten Reiz des Streichquartetts auf den Punkt bringt: „Es ist eine Art Hilfe, um weiter springen zu können, als man es bislang erreicht hat.“
Als der im englischen Coventry geborene Komponist sich jedoch mit diesem vierstimmigen Gefüge erstmals auseinandersetzte, war die durchschnittliche Meinung der europäischen Avantgarde ihm gegenüber wohl noch so einschüchternd, dass er 1967 ein Zwitterwesen komponierte. „Sonatas For String Quartet“ hieß diese Visitenkarte des 24-Jährigen, der dafür aber prompt beim Gaudeamus-Wettbewerb in Holland mit einem Kompositionspreis ausgezeichnet wurde. Seitdem sind fünf, offiziell als „Streichquartett“ ausgewiesene Werke entstanden, mit denen Ferneyhough seinen Ruf als Vertreter einer „Neuen Komplexität“ festigte. Den Reichtum der musikalischen Elemente mit all ihren Verbundsystemen erforscht er dabei über eine immens detailreiche Notation, die den Interpreten bei den Proben viel Schweiß kostet. Doch die Ardittis kennen mittlerweile sämtliche Tricks und Kniffe, um das vermeintlich Unspielbare traumwandlerisch zu realisieren. Mosaikhaft hingetupfte Klangpartikel und gereizte Mikrotonalität, abrupte Pendelschläge, die in die tumulthafte wie in die andere, sphärisch sanfte Richtung reichen – das streng Durchkonstruierte erweist sich beim Arditti Quartet nicht als Spiegel einer publikumsfernen Verweigerungsästhetik, sondern packt einen bei den Ohren. Die Gesamteinspielung von Ferneyhoughs drei- und vierstimmigen Streicherwerken ist somit ein Statement seitens des Komponisten und der Ardittis, das noch lange nachhallen wird. Besser, weil anspruchsvoller hätte das Quartett seinen 40. Geburtstag nicht feiern können.

Guido Fischer, 03.05.2014



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