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Helmut Lachenmann

Die Streichquartette

The JACK Quartet

Mode/harmonia mundi MODE 267
(76 Min., 2007, 2008)

Eigentlich hatte Helmut Lachenmann vor dem Jahr 2000 mit dem Streichquartett abgeschlossen. Zwei Werke hatte er komponiert, die in ihm noch nachhallten. Da war das 1. Streichquartett „Gran Torso“, in dem er 1971 die Möglichkeiten der Klangerzeugung in den Mittelpunkt stellte. Vom Kratzen und Schaben bis zum Reiben, Pressen und Quetschen entlockte er den vier Streichern eine „musique concrète instrumentale“. 1989 dann, anlässlich der Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution, erkundete er mit dem 2. Streichquartett „Reigen seliger Geister“ ebenfalls mit außergewöhnlichen Spieltechniken entgegengesetzte Regionen. Subtil ausgefeilt, durchwehen das Werk ähnlich wie bei Luigi Nono Töne am untersten Rand der Hörbarkeit (dennoch ist es aus einem ganz anderen Holz geschnitzt als das Streichquartett seines alten Lehrers). Rückblickend auf diese beiden Quartette fragte sich Lachenmann zu Beginn des dritten Jahrtausends: „Und jetzt? Was macht Robinson Crusoe, wenn er seine (seine?) Insel erschlossen glaubt? […] Was macht der Wegsuchende, wenn er bereits sich Wege durchs Unwegsame gebahnt hat?? Er stellt sich bloß und schreibt sein ‚Drittes Streichquartett‘... Denn der selbstgefällige Schein trügt: Nichts ist erschlossen ...“
Dieses Fortschreiten, ausgelöst von einer ständigen inneren Verunsicherung angesichts neu entdeckter Wirklichkeiten, hatte Lachenmann sich von Nono auf ewig ins Stammbuch schreiben lassen. Aus der Welt der Kontraste, wie sie daher in seinen ersten beiden Streichquartetten auf unterschiedliche Weise aufbrechen und aufflackern, entführt nun das Dritte in zumeist fragile Scheinwelten. Geräuschhafte Subtilität stellt sich sogleich in gläsernen Linien ein („sphärisch“ hat der Komponist über die Noten geschrieben). Geheimnisvolle Glissandi durchschwirren das Klanggewebe, das bisweilen zu erliegen droht. Ist der aus dem Italienischen stammende Quartett-Titel „Grido“ (Schrei) nur eine falsche Fährte? Doch entlang der melodieartigen Gebilde, Tremoli, hingeschleuderten Sechzehntel und eigenartigen Schraffuren scheint sich das Geschehen stetig zusammenzuziehen – wie ein Strick, könnte man meinen. Aber statt eines explosiven Aufschreis bleibt den vier Musikern des JACK Quartets der Schrei im Halse stecken. Bloß ein vokales Zischen entfährt ihren Kehlen noch – bis das Werk unvermittelt ausklingt. Ohrenschmeichler hören sich anders an – sind aber allesamt langweiliger als diese drei Expeditionen. Und nach der bewundernswürdigen Aufnahme der Quartette von Iannis Xenakis unterstreichen die vier Amerikaner, warum sie schon fast in einer Liga mit dem Arditti Quartet spielen.

Guido Fischer, 24.05.2014



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