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AfroPhysicist

Theo Croker

OKeh/Sony 88883796312
(56 Min., 4/2011)

Lester Bowie, der trompetende Traditionsaufmischer im Doktorkittel, hat einen würdigen Erben: den „Afro-Physiker“ Theo Croker. Ähnlich wie bei Bowie lassen sich Crokers Einflüsse bis nach New Orleans zurückverfolgen – und das nicht bloß stilistisch. Er ist der Enkel von Doc Cheatham, dem legendären Trompeter aus der Jazz-Geburtsstadt. Und diese Verwandtschaftsbeziehung macht Croker zu Beginn seiner dritten Einspielung gleich deutlich: Alleine an der Trompete durchmisst er innerhalb von zwei Minuten die 75-jährige Karriere seines Großvaters, vom saftigen Growl bis hin zum noblen Understatement à la Miles.
Theo Croker, der von der Sängerin Dee Dee Bridgewater während seines mehrjährigen Aufenthalts in Shanghai entdeckt wurde, ist ein mit allen Elementarteilchen der improvisierten Musik vertrauter Bläser. Was bei ihm besonders auffällt, ist die vokale Qualität seiner Linien. Auf „AfroPhysicist“ kann man ihn mal als sanften Prediger (in der Stevie-Wonder-Nummer „Visions“), mal als gerissenen Marktschreier im Big-Band-Funk-Kontext („Realize“), mal als afrokubanischen Charmeur („Wanting Your Love“) vernehmen.
Aber nicht nur in seiner Traditions-Beflissenheit und seinem Bewusstsein für die afroamerikanische Avantgarde (die sich in dem metrisch verschachtelten, an Steve Coleman erinnernden „The Fundamentals“ äußert) zeigt sich der 28-Jährige als Lester Bowies Wiedergänger. Es sind vor allem seine Arrangements für größere Bläserbesetzungen, die auf „AfroPhysicist“ für respektvolles Erstaunen sorgen. Kein Wunder, dass Croker namhafte Kollegen wie Bridgewater, Roy Hargrove (hier als Sänger!) und Stefon Harris für eine Zusammenarbeit bei seinen schwer groovenden Funk- und Latin-Experimenten gewinnen konnte. Docs Enkel gehört die Zukunft.

Josef Engels, 31.05.2014



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