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Edgard Varèse

Création de „Déserts“, Interviews

Hermann Scherchen, Orchestre National de France

Ina/harmonia mundi IMV075
(156 Min., 1954 & 1955) 2 CDs

Am 2. Dezember 1954 wurden die französischen Radiohörer Zeugen eines lupenreinen Skandals. Im Pariser Théâtre des Champs-Elysées, wo schon 1913 Strawinskis „Sacre du printemps“ für reichlich Turbulenzen gesorgt hatte, begann das Publikum noch während der Uraufführung von Edgard Varèses Orchesterstück „Déserts“ mit Gejohle, Hundekläffen und hämischem Sonderapplaus zu stören, am Ende brachen alle Dämme und das Chaos war perfekt. Aber so war es eben schon vor genau sechzig Jahren: Da versuchen gewiefte Konzertprogrammdramaturgen, ein Publikum, das sich auf Mozart und Tschaikowski gefreut hat, zwischendurch mit Neuer Musik bekannt zu machen – und das Wagnis geht nach hinten los. Der Komponist immerhin, der extrem fortschrittliche Klang-Raum-Experimentator Varèse, gab sich kurz darauf sportlich und verständnisvoll. In einem der acht Interviews, die er zu jener Zeit Georges Charbonnier fürs französische Radio gab, meinte Varèse nur, dass das Publikum das absolute Recht hätte, so zu reagieren (überhaupt sind die Gespräche, in denen er einen Bogen von Monteverdi bis zu Busoni schlägt, ein Muss für alle Varèse-Fans, die des Französischen mächtig sind).
Über Sechzig war der Franzose zu jenem Zeitpunkt und hatte mit Werken wie „Arcana“, „Amériques“ und „Ionisation“ schon diverse Skandale ausgelöst. Jetzt folgte also die Fortsetzung mit „Déserts“, dirigiert von der Neue Musik-Instanz Hermann Scherchen. Und es waren auch die Tonbandeinspielungen, die Varèse in den akustischen mal gewaltig expandierenden und sich dann wieder geheimnisvoll zusammenziehenden Orchesterorganismus eingepflanzt hatte, die das Live-Auditorium an den Rand des Wahnsinns brachten. Trotzdem ist der Mitschnitt der Uraufführung, der zudem ein Einführungstext von Pierre Boulez vorausging, nicht nur bis heute eine musikhistorische Sternstunde geblieben. Dieses leicht verrauschte Dokument steht weiterhin für einen wagemutigen Schöpfergeist, an dem sich seitdem viele Komponistengenerationen vergeblich orientiert haben.

Guido Fischer, 14.06.2014



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