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Johann Sebastian Bach

Actus tragicus, Osteroratorium

Hannah Morrison, Meg Bragle, Nicholas Mulroy, Peter Harvey, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner

Soli Deo Gloria/harmonia mundi SDG 719
(60 Min., 6/2013)

Alfred Dürr, der inzwischen verstorbene Doyen der Bach-Forschung, hat Bachs Arnstädter Begräbnismusik „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ (genannt „Actus tragicus“) einmal als Teil des Weltkulturerbes bezeichnet – vollkommen zu Recht: Die bezwingende Logik, die dramatische Plastizität, mit der der junge Bach hier die auf Johann Olearius basierende Textkompilation zum theologisch-musikalischen Sinnbild macht, sucht ihresgleichen (und findet ihresgleichen wohl ausschließlich in Bachs weiterem Kantatenschaffen). Für Interpreten ist dieses Kleinod, mit der nach protestantischer Sterbens-Auffassung vor allem die Hinterbliebenen im Sinne einer „Ars moriendi“ mit dem Sterben in Christo liebevoll vertraut gemacht werden, seit jeher eine Herausforderung. Gardiner hat 1989 schon einmal eine beachtliche Version vorgelegt; der Autor bevorzugt allerdings Joshua Rifkins schon 1985 entstandene Einspielung, die zwar in mancher Hinsicht (vor allem vokal) ihre kleinen Macken hat, den Geist der Musik aber besonders gut erhascht.
Und nun präsentiert Gardiner eine Neueinspielung mit einem Aufgebot brillanter Kräfte: Peter Harvey ist als Basssolist kaum zu übertreffen, Meg Bragle zelebriert „In deine Hände“ betörend gefühlvoll und ausdrucksstark. Gardiner macht die gesamte Kantate zu einer Oase des versunkenen Meditierens der christlichen Heilsbotschaft: ruhige Tempi, durch und durch weiche Musizierweise, bemerkenswerte Einfühlsamkeit in jedes Detail der vielschichtigen Komposition. Dem Autor ist all das gelegentlich schon fast zu „romantisch“: Es fehlen die Ecken und Kanten, die Gardiner – man höre die Kantateneinspielungen der „Pilgrimage“ – eigentlich sonst gerade gar nicht so geflissentlich umschifft. Kurzum: eine sehr schöne, tiefgründig empfundene Einspielung fürwahr (und dies gilt auch für das mitgelieferte „Osteroratorium“!), die sicher jeden aufnahmefähigen Hörer erfreut. Nur der Autor hält nach wie vor auf Rifkins Wurf etwas größere Stücke.

Michael Wersin, 21.06.2014



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