Auch mit solchen Programmen zeigen Top-Orchester wie die Königlichen aus Amsterdam, dass der Schritt in die Unabhängigkeit richtig war. Denn mit der Gründung eines eigenen CD-Labels kann man Projekte realisieren, die nicht ins Schema und in die Bilanzbücher der Branchenriesen passen. „Horizon“ ist so eine Reihe, von der das Royal Concertgebouw Orchestra seine inzwischen fünfte Folge vorlegt. Wieder wurden die ausgewählten Konzert-Mitschnitte von verschiedenen Dirigenten geleitet. Und wieder stehen Werke im Mittelpunkt, die vom niederländischen Weltklasseorchester entweder in Auftrag gegeben sind oder von Hauskomponisten stammen. Zu dieser glücklichen Spezies darf sich auch der Henze-Schüler Detlev Glanert zählen, der jetzt mit dem Orchesterstück „Insomnium“ vertreten ist. Vom Glanert-Förderer Markus Stenz dirigiert, steht auch diese Vorstudie zur Oper „Solaris“ für ein höchst entspanntes, aber nicht die Niveau-Grenze unterschreitendes Verständnis von zeitgenössischer Musik, mit dem das RCO seine „Horizon“-Veröffentlichungen bestückt. Da geht es im großen Orchester schon mal mächtig retrospektiv zur Sache, mit Debussy´schem Breitwand-Kolorit und rhythmischer Post-Schostakowitsch-Attacke. Dennoch erweist sich Glanert nicht nur als glänzender Instrumentator, sondern als ein das musikalische Erbe auf eine spannungsvoll neue Stufe setzender Zeitgenosse.
Mit ähnlichem Geschick wenden sich die beiden, in den deutschen Landen eher unbekannten Niederländer Klass de Vries und Richard Rijnvos von einer Art „Altmännermusik“ ab, wie es de Vries im Booklet leicht spöttisch auf den Punkt gebracht hat. De Vries macht das mit einer energiegeladenen und raffiniert illuminierten Hommage an die Soulikone James Brown (zum Glück fehlt „Providence“ das populärmusikalisch Anbiedernde). Und das minimalistisch Funkelnde in „Antarctique“ vom Kollegen Rijnvos leitet fast nahtlos herüber in die geheimnisvolle wie märchenhaft angelegte „Circle Map“ der Finnin Kaija Saariaho. So können neue Horizonte klingen und beeindrucken.

Guido Fischer, 12.07.2014



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Variationenwerke sind oft gähnend langweilig. Es ist eine Kunst, das immer Gleiche mit etwas immer Neuem so zu verquicken, dass das Thema, auf dem alles basiert, stets subtil präsent ist, aber in den einzelnen Variationen dennoch überraschend neue, wunderbare Welten entstehen. Wohl kaum jemand beherrschte diese Kunst so gut wie Johann Sebastian Bach. Seine Goldberg-Variationen, im Original für Cembalo entstanden, sind ein unbestrittener Höhepunkt der Variationenkunst des Barock. In der […] mehr »


Top