Zwei Mal hat Sergej Prokofjew mit dem legendären Sergej Eisenstein zusammengearbeitet. 1939 schrieb er zu Eisensteins „Alexander Newski“ einen Soundtrack, den er später zu einer im Konzertsaal erfolgreichen Kantate umarbeitete. 1942 begann Prokofjew schließlich mit der Arbeit für Eisensteins (unvollendet gebliebenes) Historienepos über den russischen Despoten Zar Iwan IV., besser bekannt als „Iwan der Schreckliche“. Dass aber auch diese Partitur, die oftmals nur aus kurzen Soundschnipseln bestand, ihren Weg aufs Konzertpodium schaffte, ist Abram Stassewitsch zu verdanken. Der Dirigent der Einspielung der Filmmusik komponierte Anfang der 1960er Jahre anhand des Originalscores ein Oratorium für zwei Solostimmen, Chor und Orchester und fügte zudem eine Erzählerstimme ein, die auch von den blutrünstigen Taten Iwans berichtet.
Unter der Leitung seines Chefdirigenten Tugan Sokhiev präsentierte das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin Anfang 2013 das Oratorium live und mit dem russischen Schriftsteller Wladimir Kaminer in der Sprecherrolle. Für den jetzt veröffentlichten Konzertmitschnitt hat man zwar den Auftritt Kaminers rausgeschnitten. Das Großaufgebot an musikalischen Spitzenkräften kann dafür aber mehr als entschädigen. Denn Sokhiev hat allein mit den beiden russischen Muttersprachlern Olga Borodina (Mezzosopran) und Ildar Abdrazakov (Bass) zwei herausragende Solisten gewonnen, die dem ständig aufflackernden Pathos mit hochdramatischer Kraft prächtig entgegensteuern. Doch auch die Chöre sowie das Orchester zeigen sich von ihrer zupackenden Seite – was bei Stassewitschs Fassung auch nötig ist. Immerhin hat er nicht nur das Burleske mächtig ausgereizt, mit dem Prokofjew ja ebenfalls nie gegeizt hat. Und nebenbei weiß er geschickt die musikalischen Nabelschnüre zwischen russischer Tradition und Moderne freizulegen – mit eindeutigen Rückbezügen zu Modest Mussorgskis „Boris Godunow“ etwa. Beeindruckend.

Guido Fischer, 26.07.2014



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