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Johann Sebastian Bach

Wir müssen durch viel Trübsal (Kantaten BWV 146, 103 & 33)

Il Gardellino, Marcel Ponseele

Passacaille/Note 1 PAS987
(71 Min., 3 & 9/2013)

Im Jahre 1726 hat Johann Sebastian Bach bemerkenswert häufig die Orgel als Soloinstrument eingesetzt und einige seiner Concerto-Sätze der Weimarer/Köthener Jahre entsprechend umfunktioniert. Sie tauchen nicht nur als „Sinfonien“ am Beginn von Kantaten auf, sondern werden vereinzelt auch durch Vokaleinbau zu Chorsätzen oder Arien – ein faszinierendes Bearbeitungsverfahren, das sich u.a. an BWV 146 nachvollziehen lässt. Man vermutet, dass Bach mit diesen Transkriptionen einen seiner Söhne als Solist schulen und fordern wollte; wie muss der sich gefühlt haben, wenn er sich unter des großen Papa Augen so zu exponieren hatte! Lorenzo Ghielmi legt als Solist an der Orgel den Eingangssatz natürlich locker hin, wenn auch nicht ganz so herrlich nervös und verzierungsfreudig wie Ton Koopman in seiner Gesamtaufnahme – eine Version, die wir in diesem Punkt und auch in Sachen chorische Sprach-Präsenz vorziehen würden.
Kaum zu übertreffen ist indes die Leistung von Margot Oitzinger als Altsolistin („Ich will nach dem Himmel zu“). Besser geht es einfach nicht; warum irgendjemand anders engagieren, wenn man diese Frau haben kann? Da die Kantaten dieser CD an zwei Terminen produziert wurden, hat allerdings auch Marcel Ponseele für die anderen beiden Stücke einen anderen Alt gebucht: Damien Guillon, einen der derzeit prominentesten Counter-Tenöre auf diesem Gebiet. Historisch ist das sicher richtig (auch bei Bach haben vermutlich mutierte Knaben falsettiert), aber beim direkten Vergleich mit einer guten Frauenstimme wie der von Oitzinger kann man auch als Verfechter historischer Maßgaben schon schwach werden … Unanfechtbar brillant macht nämlich auch Caroline Weynants als Sopransolistin ihre Sache, aber beim Hören der Männerstimmen sind wir nicht so glücklich geworden: Das mangelnde sprachliche Finish von Lieven Termont z.B. haben wir zu einem früheren Zeitpunkt schon einmal erwähnt. Marcel Ponseele, das muss hier ebenfalls erneut konstatiert werden, hat als Instrumentalist vor allem ein sehr gutes Orchester zur Hand. Wenn er dann noch von Haus aus gute Solisten erwischt, dann läuft es prima. Aber was auf vokaler Ebene nicht von selber geht, weiß er offenbar nicht wirklich maßgeblich zu verbessern.

Michael Wersin, 02.08.2014



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