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Johann Sebastian Bach

Sämtliche Partiten

Igor Levit

Sony 88843036822
(151 Min., 1 & 5/2014) 2 CDs

In der vierten der insgesamt sechs Partiten von Johann Sebastian Bach steht an zweiter Stelle nicht einfach eine Allemande. Bach machte aus ihr einen intimen und doch weiten Klangraum, der von einer frommen Gesangslinie erfüllt wird. Nun kann man diese ins Halbdunkel getauchte Innenarchitektur im Sauseschritt durchlaufen – wie etwa Glenn Gould zu Beginn der 1960er Jahre, als er sich für diese Kostbarkeit gerade einmal etwas mehr als sechs Minuten gönnte. Oder – und das ist ab sofort das andere Extrem – man bewegt sich in Slow Motion durch die Gänge, um das Verschwinden dieses sinnlichen Erlebnisses so lange wie möglich hinauszuzögern. Igor Levit nutzt diese Möglichkeit aus und benötigt mit elf Minuten fast doppelt so lang wie sein kanadischer Antipode. Nun muss man nicht unbedingt Gould zur Referenzmarke machen, um die zum Teil radikalen Entschleunigungen des Bach-Interpreten Levit zu begreifen. Auch András Schiff blieb schon 2007 bei seiner Gesamteinspielung der sechs Partiten weiter unter Levits Zeitlimit und schaffte es dennoch, diesen Bach-Wesen auch ihre Noblesse und Natürlichkeit, ihre Energie und Munterkeit zu entlocken.
Nun also hat sich Levit nach seinem letztjährigen CD-Debüt mit den späten Klaviersonaten von Beethoven ganz Bach gewidmet. Und was er allein bei seiner höchst entspannten und doch wundervoll berührenden und beredten Promenade in der besagten Allemande entdeckt und offenbart, ist der schlagende Beleg dafür, dass solche Gedankengänge unbedingt eben ihre Zeit brauchen (die nachfolgende Courante nimmt er aber dann fast auf die Sekunde genau wie Gould – was eine Ausnahme ist). Überhaupt vermittelt Levit den Eindruck, dass es bei Bach nichts Beiläufiges gibt, sondern alles seinen unverrückbaren Platz im Geistesgebäude des Komponisten besitzt. Trotzdem lastet auf der Gesamtaufnahme nichts Verkopftes, wenngleich Levit mit seiner Intelligenz nicht hinter dem Berg hält. Was aber bei aller Detailarbeit und bestmöglichen Werktreue den eigentlichen Ton ausmacht, ist nicht allein Levits Staunen über diese Musik. Man hört zugleich sein kaum fassbares Glück heraus, Bach spielen zu dürfen.

Guido Fischer, 16.08.2014



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