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Paolo Scotti, Marchetto Cara, Philippus de Luprano u.a.

Fermate il passo (Tracing The Origins Of Opera)

Vivabiancaluna Biffi

Arcana/Note 1 A376
(64 Min., 9/2013)

Ein seltsamer Fall: Wir haben vor uns die CD einer einzelnen Künstlerin, die ein offenbar selbst zusammengestelltes Programm aus Frottole der Renaissancezeit singt und sich dazu auf der Viola begleitet. Ein kompetenter Beihefttext über das Repertoire und die Aufführungspraxis der Selbstbegleitung stammt ebenfalls aus ihrer Feder. Die Dame heißt VivaBiancaLuna Biffi, – der Vorname dürfte wohl ein Pseudonym sein – und wer sie ist, konnten wir nicht ermitteln. Ihre Website, deren Adresse auch im Beiheft angegeben ist, erweist sich als vollkommen inhaltsleer, und die weitere Recherche im Netz fördert ebenfalls nichts zutage.
Nun kann aber eine Künstlerin, die sich so sicher singend und gleichzeitig spielend durch ein nicht gerade alltägliches Repertoire bewegt, die mit großer deklamatorischer Präsenz und bemerkenswert intonationsrein eine stupende interpretatorische Leistung abliefert, nicht aus dem Nichts auf der Bildfläche erscheinen: Sie muss in namhaften Ensembles gespielt haben, sie muss auch solistisch schon umfassende Erfahrungen gesammelt haben. Wie wirbt sie überhaupt für ihre Soloprogramme, wenn sie im Netz nicht präsent ist?
Fragen über Fragen – vielleicht gehört das Versteckspiel zum Konzept. Die Aufmerksamkeit des Hörers wird so jedenfalls ganz auf die Musik gelenkt. Er wird eingeladen, sich zu vertiefen in Sonette von Petrarca oder Aquilano, in Texte von Vergil oder Ovid, die von heute kaum mehr bekannten Meistern wie Marchetto Cara oder Francesco Varoter wundervoll in Musik gesetzt worden sind. Wir erleben den historischen Beginn einer textlich-musikalischen Expressivität, die die Entstehung der Oper als Gattung mitbedingt hat, und wir werden Zeuge der Wiederbelebung einer Aufführungspraxis, die wie durch ein Zeitfenster den Blick in eine Ära faszinierender Virtuosität und musikantischer Kreativität ermöglicht. Eine wirklich begeisternde CD.

Michael Wersin, 06.09.2014



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