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Im Vertrauen

Julia Kadel Trio

Blue Note/Universal 3789836
(50 Min.)

Das nennt man Geschichtsbewusstsein: Zum 75. Geburtstag von Blue Note verbeugt sich das Traditions-Label vor der Geburtsstadt der beiden Gründer Alfred Lion und Francis Wolff. Die 27-jährige Pianistin Julia Kadel aus Berlin ist nämlich die erste deutsche Jazzkünstlerin, die seit der legendären Jutta Hipp in den 50er Jahren ein Album auf Blue Note herausbringt.
Die Einspielung „Im Vertrauen“ rechtfertigt das in sie gesetzte Vertrauen vollauf. Kadel zeigt selbstbewusst, wie sich die spezielle Tradition des Labels für seelenvolle und publikumswirksame Musik mit den Methoden der gegenwärtigen Interpretation des Piano-Trio-Formats verbinden lässt. Im Kern handelt es sich dabei um die Brüchigkeit und die aus dem Post-Punk geborgte Rock-Intensität, mit der beispielsweise das Trio „EM“ des Pianisten Michael Wollny agiert.
Mehr noch als Wollny lässt Kadel auf „Im Vertrauen“ klassische Einflüsse durchblicken. Dass sie aber auch durchaus gospelgetränkte Ausbrüche im Repertoire hat, zeigt sie im Stück „Zweifünfzig“, das mit seinen verstolperten HipHop-Beats von Schlagzeuger Steffen Roth zudem auf die Rhythmus-Philosophie eines Robert Glasper und Chris Dave verweist.
Kadel, Roth und Bassist Karl-Erik Enkelmann sind allerdings keine Epigonen, sondern hinterfragen ständig die Strukturen ihres Tuns. Die Melodien des Trios klingen oft wie dekonstruierte Monk-Standards, deren Einzelteile behutsam neu kombiniert werden, die Bass-Begleitungen stemmen sich mit eigenwilligen Synkopierungen gegen einen allzu glatten Spielfluss, und bevor eine Akkordfolge zu lieblich werden könnte, taucht von irgendwoher ein Tritonus auf.
Und wenn man dann noch die Stücktitel liest, die „Vorwärts“, „Aufwachen“ oder „Nicht bleiben“ heißen und so klingen wie schroffe Ansagen im S-Bahnhof Friedrichstraße, dann weiß man auch am Blue-Note-Standort New York: Dit is Berlin.

Josef Engels, 13.09.2014



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