Bei französischer Orgelmusik denkt man reflexartig sofort an die legendären Dompteure jener Prachtinstrumente, denen im 19. Jahrhundert Aristide Cavaillé-Coll ihren Stempel aufgedrückt hat. Doch vor den Francks und Widors hatte die benachbarte Orgellandschaft über mehrere Jahrhunderte eben auch schon geblüht – wenngleich sich die französischen Kollegen im Gegensatz zur deutschen Orgelschule rund um die Bachs und Buxtehudes eher im klassizistisch-noblen Idiom bewegten. Und auch das kunstvolle Raffinement, mit dem gerade die Granden der Clavecinisten in der Barockblütezeit auftrumpften, vermisst man durchaus bei manchen Komponisten, die es jetzt in die trotzdem äußerst lohnende Anthologie geschafft haben.
Von Jehan Titelouze (1563 - 1633), der zu den Urvätern der französischen Orgelmusik zählt, bis zu Alexandre-Pierre-François Boëly (1785 - 1858) reicht das Spektrum, für das auch auf historische Einspielungen etwa von Altmeister André Isoir zurückgegriffen wurde. Zwischen diesen beiden Polen begegnet man (nicht nur) der berühmten Couperin-Dynastie, die mit Gervais-François Couperin ausklang (herrlich verschroben in ihrem militärischem Drive: seine Hommage an Louis XVIII.). Und selbstverständlich kommen mit Louis Marchand und Nicolas de Grigny zwei Komponisten/Virtuosen zu ihrem Recht, die auf unterschiedliche Weise mit Bach verbunden waren (Marchand soll bekanntermaßen beim Tastenduell mit Bach gekniffen haben, während Grignys Werke für den kommenden Thomaskantor wichtige Studienobjekte waren). In dem Wechselspiel aus Solostücken, Orgelkonzerten und sogar Cembalo-Piècen begegnet man aber auch – auf CD Nr. 8 – einer von den Érard-Brüdern konstruierten und von Olivier Baumont gespielten Fortepiano-Orgel, für die etwa Claude Balbastre charmante Jagd-Szenen und einen wilden Drehtanz komponiert hat. Von dieser Instrumentenantiquität will man ab sofort mehr hören!

Guido Fischer, 13.09.2014



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