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Franz Schubert

Klaviersonaten

Daniel Barenboim

Deutsche Grammophon/Universal 479 2783
(351 Min., 1/2013 & 2/2014) 5 CDs

Daniel Barenboim als Pianist – da erinnert man sich vor allem an den schwarzgelockten Charismatiker, der in den 70er Jahren seine Frau Jacqueline du Pré oder Dietrich Fischer-Dieskau furios am Klavier begleitete. Später fokussierte sich seine Karriere vor allem auf das Dirigieren, und in den letzten zehn oder zwanzig Jahren hat er für seine pianistischen Veröffentlichungen oft eine Menge Schelte einstecken müssen. Dennoch ist der Vielbeschäftigte unverdrossen drangeblieben und hat sich oftmals mit enzyklopädischem Anspruch immer wieder Spitzenwerken der Klavierliteratur gewidmet. Jüngst waren es die Klaviersonaten Schuberts, die sein Interesse weckten; freimütig bekannte er im Interview, dass er sich erstmals umfassend mit diesem anspruchsvollen und vielfältigen Zyklus auseinandersetze – aber auch im Fall Schubert legte er dann gleich dessen komplettes Sonatenschaffen auf fünf CDs vor.
Der Höreindruck nötigt zunächst eine Menge Respekt ab: Barenboim erweist sich mit differenzierten interpretatorischen Ideen als gründlicher, gewissenhafter Künstler, der tief in die Materie einsteigt und sich leidenschaftlich auf die Suche macht nach dem Aussagegehalt dieser Musik. Den Kopfsatz der c-Moll-Sonate D 958 etwa, in dem Schubert sich ebenso intensiv wie kreativ mit dem Sonatenidiom Beethovens auseinandersetzt, legt er von vornherein nicht einfach virtuos an, sondern macht schon in der Exposition des ersten Themas hörbar, dass es hier um ein fast verzweifeltes Streben nach Befreiung geht: Befreiung vom oftmals lähmenden Vorbild Beethoven, Befreiung aber auch von den Fesseln trister, hemmender Lebenswirklichkeiten. In der Durchführung allerdings verschenkt Barenboim dann den Höhepunkt des Satzes, jene drohende Auflösung aller Konturen in haltlose Chromatik, weil es ihm vielleicht ein wenig am pianistischen Raffinement fehlt – hier muss man Radu Lupus unvergleichliche Einspielung hören, um das musikgewordene Drama in seiner ganzen Schärfe mitzuerleben.
Damit sind wir beim Kern der Kritik: Barenboim setzt sich sehr wohl gründlich mit Schuberts Klaviermusik auseinander; man spürt, wie er dabei häufig aus seiner Sicht als Dirigent in sinfonischen Kategorien denkt. Sein Zugriff auf Schuberts Klaviersatz ist dementsprechend oft kräftig, beinahe wuchtig. Es lässt sich in dieser Hinsicht indes nicht leugnen, dass Künstler wie Janina Fialkowska oder Garrick Ohlsson, die beide kürzlich ein Schubert-Rezital vorgelegt haben, einen weitaus sensibleren Zugang zu dieser Musik finden konnten – u.a. einfach deshalb, weil sie „hauptberuflich“ Klavier spielen und eine sensiblere Technik zur Verfügung haben. Den Kopfsatz der Sonate A-Dur D 664 etwa bringen beide so wunderbar oberstimmig zum Singen, dass man Barenboims Interpretation desselben Satzes zwar gern zum Vergleich heranzieht, letztendlich aber aus rein ästhetischen Gründen den anderen beiden Versionen den Vorzug geben muss.

Michael Wersin, 13.09.2014



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