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Johann Sebastian Bach, Tristan Murail, Franz Liszt, Olivier Messiaen, Maurice Ravel

Invocation

Herbert Schuch

Naїve/Indigo 994242
(68 Min., 8 & 9/2013)

Glocken, heutzutage für viele Menschen schon eine unwillkommene Störung des Sonntags-Ausschlaf-Rituals, riefen Jahrhunderte lang die Christen zum Gottesdienst. Ihr machtvolles Dröhnen, ihr obertonreiches Klangspektrum inspirierte immer wieder auch Komponisten zu entsprechend assoziativen Stücken: Ravels „Vallée des cloches“ und Olivier Messiaёns „Cloches d’angoisse et larmes d’adieu“ sind deshalb Bestandteil dieses ambitionierten Rezital-Programms, mit dem der Pianist Herbert Schuch auf Basis der Glocken-Idee die „Invocation“, das Herbeigerufen werden der Menschen zu Gebet und Gottesdienst thematisiert.
Dass in diesem Zusammenhang auch Franz Liszt – wenngleich ohne unmittelbaren Glocken-Bezug – ins Spiel kommt, verwundert nicht; schließlich war der Abbé fasziniert von der weiten, aspektreichen Welt katholischer Frömmigkeit und hat so entgegengesetzte Befindlichkeiten wie die strenge, Gregorianik-inspirierte Klanglichkeit eines schlichten chorischen „Pater noster“ wie auch die ekstatisch-sinnliche Freude an einer mystischen Gotteserfahrung (wie in der „Bénédiction de Dieu dans la solitude“ in den Blick genommen) zu Musik werden lassen.
Letztendlich kann beim Thema „Religiosität und Musik“ auch Bach nicht fehlen. Will ein Pianist sich hierbei auf Werke aus dem sakralen Bereich stützen, muss er zu Transkriptionen greifen. Schuch wird zunächst bei Busoni fündig und nimmt die sattsam bekannten Bearbeitungen der Choralvorspiele „Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ“ und „Nun komm der Heiden Heiland“ ins Programm; ferner spielt er eine Bearbeitung der Sopranarie „Die Seele ruht in Gottes Händen“ (BWV 127) von Harold Bauer. Diese drei Nummern machen dem Rezensenten am wenigsten Freude: Allzu sehr sind solche gefühlvollen, klebrig-romantischen Bearbeitungen konnotiert mit einem weihrauchschwangeren Bach-Bild, in dessen Umkreis schreckliche Begriffe wie „fünfter Evangelist“ etc. gehören. Bachs tiefer lutherischer Glaube war sicher nicht annähernd so sentimental, wie es die romantische Aufführungspraxis seiner Musik glauben machen will.
Rollt man das Programm von dieser Seite her auf, dann offenbart es gewisse konzeptuelle Brüche: Von Schuch großartig vorgetragene Nummern wie die genannten Liszt- und Ravel-Stücke stehen neben kitschigen Bearbeitungen. Sicher wird nicht jeder so streng auf das Konzept schauen wollen, sondern eher das gute Klavierspiel genießen. Aber den Rezensenten hat die CD aus den genannten Gründen nicht vollkommen überzeugt.

Michael Wersin, 20.09.2014



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