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Wildern

Tobias Christl

ACT/Edel 1096732ACT
(57 Min., 6/2013 & 5/2014)

Eigentlich ist die Idee mittlerweile ein ähnlich alter Hut, wie er auf dem Cover zu sehen ist: Ein Jazz-Quartett plus Sänger macht sich über eine Reihe von Pop-Songs her. Dass man die in der ACT-Reihe „Young German Jazz“ erschienene CD „Wildern“ nicht sofort müde abwinkend aus dem CD-Player befördert, verdankt sich Tobias Christl.
Wenn man von seinen an Michael Schiefel erinnernden Effektgerät-Spielereien absieht, hat Christl nämlich zunächst nicht viel mit dem jazzgesangsüblichen Anforderungsprofil gemein – und ist gerade deshalb der optimale Interpret für Stücke von Radiohead („I Will“), Rio Reiser („König von Deutschland“) oder New Order („Blue Monday“). Bei seiner Version des A-ha-Hits „Take On Me“ könnte man sogar meinen, dass der Original-Sänger Morten Harket am Mikrofon steht.
Christl klingt wie ein Pop-Vokalist, weigert sich aber, wie einer zu denken. Was dazu führt, dass die Lieder deutlich erkennbar bleiben und gleichzeitig komplett umgekrempelt werden. Lana Del Reys „Video Games“ etwa wird so lange zerdehnt, gespiegelt und verzerrt, bis man nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht; im „König von Deutschland“-Refrain wiederholt Christl die Worte „das alles“ so oft, als habe die Platte mit der Original-Aufnahme einen Hänger.
Ähnlich eigenwillig sind die Arrangements für die musikalischen Begleiter. Saxofonist und Klarinettist Peter Ehwald übernimmt dabei oftmals mit asymmetrischen Riffs die Aufgabe eines Gitarristen, was dem tatsächlichen Gitarristen Sebastian Müller Raum und Zeit für Akkordflächen und Noise-Soli (etwa in „Take On Me“) gibt. Die gängige saubere Aufteilung in Thema-Solo-Thema findet man auf „Wildern“ jedenfalls nirgends.
Das ist einerseits interessant und lobenswert, andererseits ein bisschen so, wie Christl den Umgang mit dem Material im CD-Klappentext beschreibt: „Als hätte der Muttersong ein wild pubertierendes Kind zur Welt gebracht.“ Will heißen: ein bisschen anstrengend und nervig.

Josef Engels, 04.10.2014



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