Eine britische Oratorien-Sopranistin, die ab den 1920er Jahren bis in die 50er Jahre zweifellos zahllosen Landsleuten viel Freude bereitet hat. Sie gehörte in jenen Jahren zu den meistgebuchten Konzertsängerinnen auf der Insel und sie beherrschte das Repertoire im Stile der Zeit mit bewundernswerter Souveränität. Man höre etwa die berühmte Sopranarie aus BWV 208 („Schafe können sicher weiden“, hier freilich wie in Kriegszeiten üblich in englischer Übersetzung), wo sie sehr schöne Triller einsetzt. Zwei Jahre später, im Jahre 1944, klang ihre Stimme in einer Aufnahme der „Rejoice“-Arie aus dem „Messiah“ noch schlanker und heller; ihre Koloraturen sind nicht immer ganz sauber, aber insgesamt erfreut die schlichte Klarheit ihres natürlich schönen Sopranmaterials. Von 1946 stammt die Aufnahme der großen Sopranarie „On Mighty Pens“ („Auf starkem Fittiche“) aus Haydns „Schöpfung“ – der Eindruck, dass Baillies Stimme sich nicht gerade durch grenzenlose Flexibilität auf dem Gebiet der Koloratur auszeichnete, bestätigt sich hier. Gleichzeitig zeigt sich aber auch erneut die qualitative Konstanz, die Baillie offenbar zu liefern in der Lage war. So ist diese reizvolle Sammlung sicher ein Genuss für jeden, der an historischem Gesang auf gutem Niveau interessiert ist. Sie bringt zudem einmal mehr Wiederbegegnungen vor allem mit dem allgegenwärtigen Gerald Moore, der in jener Zeit geradezu in den Abbey Road Studios gewohnt haben muss.

Michael Wersin, 18.10.2014



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