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Unsuk Chin, Olga Neuwirth, Sun Ra

Graffiti, …miramondo multiplo…, Outer Nothingness u.a.

Ensemble Musikfabrik, Marco Blaauw, Frank Gratkowski, Peter Rundel, Christian Eggen

Wergo/New Arts International WER 68612
(65 Min., 10/2008 & 6/2013)

Das Kölner Ensemble Musikfabrik ist seit seinem Gründungsjahr 1990 eine Bank für alle und damit auch für die abgelegensten Spielarten in der zeitgenössischen Musik. Und wie es sich für so ein Spitzenteam gehört, hat man sich regelmäßig auch über zahllose Auftragskompositionen ständig neuen Herausforderungen gestellt. Viele der Novitäten wurden aber nicht nur in der Konzertreihe „Musikfabrik im WDR“ präsentiert, sondern auch mitgeschnitten. Seit 2010 sichtet man nun das ensembleeigene Schallarchiv und veröffentlicht es in Etappen in der „edition Musikfabrik“. Für die zweite, auf 10 CDs angelegte Staffel hat man sich aber etwas Besonderes einfallen lassen. Kunstweltmarktführer Gerhard Richter steuert für jedes, auf Miniposter-Größe auffaltbare Booklet aus seinem Gemäldefundus ein Bild bei. Bei der 1. Folge ist ein 1989 fotorealistisch auf Leinwand gebanntes „Besetztes Haus“ zu sehen.
Auch wenn das dreiteilige Werk „Graffiti“ der koreanischen Komponistin Unsuk Chin Ausgangspunkt für Titel und Gestaltung der CD gewesen sein dürfte – eine lautmalerisch knallig-bunte Hausfassadenver(un)schönerung ist es nicht. Ein poppig schrilles Gesamtbild geben hingegen unter dem Strich die ausgewählten Konzertmitschnitte ab. Von Unsuk Chins mal geheimnisvoll illuminierten Pfaden, mal kaleidoskopartig ins Hektische überschlagenden Energieausbrüchen betritt man etwa mit der Österreicherin Olga Neuwirth und ihrem Trompetenkonzert „…miramondo multiplo…“ irrwitzig verschachtelte Erinnerungsräume. In den fünf Sätzen huschen Kurt Weill-Rhythmen und (mehr als nur) Mahler-Allusionen vorbei. Oder der Alleskönner an der Trompete, Marco Blaauw, lehnt sich dann im Stile von Miles Davis cool zurück, um Händels Largo-Arie „Lascia la spina“ gleich einer schönen Traumgestalt zum Leben zu erwecken. Und warum Ensemble Musikfabrik längst auch mit radikalen Querköpfen aus dem Jazz gemeinsame Sache macht, zeigt man gegen Ende. Da erklingen zwei für Saxofon und Ensemble arrangierte Kompositionen von Sun Ra, diesem 1993 aus dieser Welt gegangenen und wahrscheinlich in die Umlaufbahn des Saturns eingetretenen Jazz-Voodoo-Zeremonienmeisters und Gründers des legendären Sun Ra Arkestra. Und nach den kosmologischen Kollektiv-Improvisationen und dem magmaheißen BigBand-Groove in „Outer Nothingness“ spricht in „Pleiades“ sogar Sun Ra aus dem Jenseits zu uns!

Guido Fischer, 22.11.2014



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