Auch für einen Hitschreiber wie Jacques Offenbach lief nicht immer alles nach Plan. Am 15. Januar 1872 war im Pariser Théâtre de la Gaîté sein jüngster Coup „Le Roi Carotte“ noch stürmisch gefeiert worden. Bereits drei Tage später erlebte in der Pariser Opéra Comique dann ein weiteres Werk seine Premiere. Doch nach zehn Vorstellungen war für die Komische Oper „Fantasio“ schon wieder Schluss. Und Offenbach zog mit dem Werk weiter. Erst nach Wien, Graz und Prag und schließlich nach Berlin. Im Laufe der Rettungsversuche entstanden zwar diverse Fassungen. Die Pariser Partitur ging dabei aber irgendwie verloren. Dank des fleißigen Offenbach-Spezialisten Jean-Christophe Keck, der für die Rekonstruktion selbst Quellen in London aufgestöbert hat, liegt aber jetzt diese dreiaktige Opéra-Comique in ihrer Originalgestalt vor. Und alle Kosten und Mühen haben sich ausgezahlt.
Denn das von Mark Elder geleitete Orchestra of the Age of Enlightenment entpuppt sich als reaktionsschneller wie einfühlsamer Partner eines Vokalensembles, das gleichermaßen genau den mal schmissigem, mal überaus romantischen Ton trifft. „Fantasio“ bewegt sich mit ihren bewegenden Zauberarien musikalisch im Umfeld von Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“. Der auf ein Theaterstück von Alfred de Musset basierende Stoff, der im mittelalterlichen München spielt, fällt dagegen an Originalität etwas ab. Ein sich als Narr verkleidender Student („Fantasio“) verguckt sich in die Prinzessin Elsbeth und schafft es nebenbei, einen drohenden Krieg zu verhindern. Dass einem dabei dennoch keine Sekunde langweilig wird, liegt an Offenbachs unerschöpflichem Erfindungsreichtum sowie am durchweg handverlesenen Sängerteam, das von der Mezzosopranistin Sarah Connolly in der Hosenrolle des „Fantasio“ angeführt wird. Da muss nicht nur die Offenbach-Gemeinde vor Begeisterung jauchzen und jubeln!

Guido Fischer, 29.11.2014



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