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Johann Sebastian Bach

Weihnachtsoratorium

Sunhae Im, Petra Noskaiová, Stephan Scherpe, Jan van der Crabben, La Petite Bande, Sigiswald Kuijken

Challenge/New Arts International CC72349
(138 Min., 12/2013) 2 CDs, SACDs

Merkwürdig: Die Minimalbesetzung mit nur einem Sänger und einem Instrumentalisten pro Part wurde beim Weihnachtsoratorium erstaunlich spät erprobt. Während es die anderen großen Vokalwerke Bachs und auch eine große Zahl der Kantaten schon seit vielen Jahren in dieser radikalen Aufführungspraxis meist sogar mehrfach auf CD gibt, wagte sich erst Ende 2012 Holger Eichhorn mit einem solchermaßen musizierten Weihnachtsoratorium an die Öffentlichkeit. Sigiswald Kuijken ist mit seiner „Petite Bande“ nun der zweite, und es ist gut, dass diese Einspielung trotz der massiven Schwierigkeiten des Ensembles wegen Streichung der staatlichen Fördergelder noch verwirklicht werden konnte.
Während Holger Eichhorns WO auf instrumentaler Ebene besonders durch die revolutionäre Oboenbesetzung „ins Ohr stach“, bietet Kuijken eine kleine Sensation beim Blech: Die Brüder Madeuf und Graham Nicholson spielen (anders als bis heute die allermeisten historisierend spielenden Fachkollegen) barocke Trompeten ohne Grifflöcher, d. h. ohne jegliche Intonationshilfe. Vor nicht allzu langer Zeit galt dieses Blasen ohne Netz und doppelten Boden noch als beinahe unmöglich – und nun demonstrieren die Madeufs immer wieder, dass man auch auf diese Weise erstaunlich sauber und ausgeglichen zu spielen vermag.
Die Sängerbesetzung hat sich gegenüber den Kantateneinspielungen der letzten Jahre teilweise geändert: Nicht mehr der etwas müde klingende Christoph Gentz ist der Tenor, sondern der lockere und entspannte Stephan Scherpe, der in „Frohe Hirten“ gestochen scharfe, perlende Koloraturen liefert, in Rezitativen allerdings nicht immer zu überzeugender rhetorischer Vermittlungsintensität findet. Sunhae Im ersetzt Gerlinde Sämann zwar ausgesprochen stimmschön, aber auch vibratoreicher. Mit Petra Noskaiová und Jan van der Crabben dagegen hören wir altbewährte, überaus zuverlässige Kräfte, die mit der Musik von Bach geradezu blind vertraut sind.
Insgesamt profitiert die Einspielung nicht nur vom gewaltigen Erfahrungsreichtum Sigiswald Kuijkens, sondern auch von einer Vielzahl kleiner Details: So enthält in „Großer Herr“ am Ende des A-Teils der erste Trompeter zunächst das notierte hohe D vor, um es beim Da capo dann umso strahlender zu präsentieren. Schön ist auch immer, wenn sich der oft allzu brave Continuo-Organist Benjamin Alard aus der Deckung wagt, um in höherer Lage eine reizvolle klangliche Duftmarke zu hinterlassen. Gediegen, homogen, nicht überexpressiv, stets souverän musiziert: ein schönes Weihnachtsoratorium.

Michael Wersin, 20.12.2014



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