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Edward Elgar

Complete Works For Wind Ensemble

Athena Ensemble

Chandos/Codaex CHAN 241-33
(100 Min., 1978)

Wer sich auf Orgelemporen umsieht, bekommt oft einen lebhaften Eindruck davon, was Kirchenmusiker während der Predigt so treiben: Unterhaltende Literatur findet sich an solchen Orten ebenso wie alkoholische Getränke. Mitunter allerdings wird die Zeit auch recht sinnvoll genutzt - so etwa im Falle des jungen Edward Elgar, der als Twen noch lange nicht zu jener Berühmtheit gelangt war, die ab der Lebensmitte sein Dasein bereichern sollte. Zunächst jedoch arbeitete er im Musikladen seines Vaters in Worcester und beschäftigte sich aufs Vielfältigste mit der Tonkunst, besonders auch mit der traditionellen. Hiervon zeugen etwa die zahlreichen Stücke für Bläserquintett, die Elgar in jenen Jahren komponierte, und dies eben oftmals während der sonntagmorgendlichen Predigt, denn sein semiprofessionelles Ensemble, in dem der selbst (autodidaktisch, aber offenbar sehr begabt) Fagott spielte, traf sich stets am Sonntagnachmittag. Die Stücke hatten von besonderer Faktur zu sein, waren doch die beiden Flötisten und der Oboist (letzterer Elgars Bruder) von beinahe professionellem Niveau, während der Klarinettist so seine Mühe hatte. Die daraus erwachsene Verpflichtung zur Berücksichtung der unterschiedlichen Fähigkeiten seiner Mitspieler erhöht noch den Respekt, den der Hörer vor Elgars stupenden Fähigkeiten im jugendlichen Alter gewinnt: Zwar glaubt man unter dem Eindruck des ersten in dieser Doppelbox vorgestellten Stücks, der "Harmony Music No. 5", zunächst, es handele sich um Mozart oder Beethoven, denn Elgar orientiert sich stark an klassischen Vorbildern, genauer gesagt an ihrer Satztechnik, ihrer Melodik und ihrer motivisch-thematischen Arbeit. Bald aber wird deutlich, wie Elgar auf dieser Basis kreativ wird und in Gestalt von Chromatik und anderer kleiner harmonischer Raffinessen Eigenes durchscheinen lässt. Faszinierend ist insgesamt die Souveränität, mit der Elgar auf allen Ebenen ans Werk geht; es ist eine einzige Freude, die Musik in ihrem logischen Fortgehen, bei dem sich eines aus dem anderen organisch und sinnvoll ergibt, zu verfolgen, zumal mit einer so tadellosen Interpretation wie der bereits 1978 dokumentierten des "Athena Ensemble" im CD-Spieler.

Michael Wersin, 13.10.2006



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