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Carl Orff

Carmina Burana

Yeree Suh, Yves Saelens, Thomas E. Bauer, Collegium Vocale Gent, Cantate Domino, Anima Eterna Brugge, Jos van Immerseel

Zig Zag Territoires/Note 1 ZZT353
(63 Min., 2/2014)

Kritische Stimmen zum Schaffen des belgischen Pianisten und Dirigenten, der sein Orchester kurzerhand mit der latinisierten Form seines eigenen Namens („Anima Aeterna“) benannte, muss man tatsächlich suchen – zur Neuaufnahme der „Carmina Burana“ von Carl Orff nach historischen Gesichtspunkten konnte der Autor gar keine kritische Anmerkung im Netz finden, im Gegenteil: In der „ZEIT“ etwa verwendet der Rezensent selbst den Begriff „Besserwisserei“ als positives Attribut.
Es ist ja auch wirklich so, dass van Immerseel schon eine Menge Ohren-öffnende Produktionen verantwortet hat – seine Ravel-CD etwa, die u.a. den „Bolero“ und „La Valse“ enthält, war ein echter Knüller. Seine neue Lesart von Carl Orffs „Carmina Burana“ hingegen kann den Autor dieser Zeilen nicht hundertprozentig überzeugen: Selbstverständlich ist es sinnvoll, die Partitur dahingehend neu zu verklanglichen, dass etwa die Streichinstrumente zugunsten von Bläsern und Schlagzeug in den Hintergrund treten. Selbstverständlich ist es auch sinnvoll, historische Klavier-, Blas- und Streichinstrumente der späten 1930er Jahre zu verwenden, selbst wenn Orff höchstpersönlich solche Instrumente nach dem Zweiten Weltkrieg wohl nicht mehr auftreiben konnte. Warum aber ein Profi-Chor aus nur 36 Sängern (zuzüglich der in einigen Nummern geforderten Knaben) historisch sein soll, erschließt sich dem Autor nicht: Woher hätte Orff seinerzeit ein Ensemble vom Schlage des hier auftretenden „Collegium Vocale Gent“ nehmen sollen? Einen solchen Chorklang gab es damals einfach nicht. Interessanterweise ist die von Immerseel im Beiheft-Interview angeführte „klare Wiedergabe des Textes“ in einigen Chornummern auch trotzdem nicht wirklich zu hören: Eigenartig blass und „en dehors“ klingt der Chor oft. Der Autor bevorzugt da doch deutlich die robuste Herangehensweise des „Bayerischen Rundfunkchors“ in der Aufnahme von Kurt Eichhorn, Carl Orffs Mentalität scheint in diesem Klangbild authentischer repräsentiert.
Was die Solisten angeht, seien ebenfalls Fragen aufgeworfen: Ob Hermann Preys und John van Kesterens extravertierte Umsetzungen der Bariton- und der Tenorpartie (bei Eichhorn) vielleicht doch den deutlich braveren Darbietungen von Bauer und Saelens vorzuziehen sind, entscheide jeder für sich. Merkwürdigerweise überzeugt aber auch Yeree Suh mit ihrer an der historisierend praktizierten Barockmusik geschulten Singweise nicht wirklich: Obwohl der Name auf dem Cover Hoffnungen weckt (wenngleich dieser Stimmtyp 1937 wohl kaum existiert hat), muss man konstatieren, dass Lucia Popp und Gundula Janowitz das halsbrecherische „Dulcissime“ sicher nicht schlechter, sondern eher mit größerer Ausdruckspräsenz gesungen haben.

Michael Wersin, 03.01.2015



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