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Silvius Leopold Weiss

The Complete London Manuscript

Michel Cardin, Christiane Laflamme

Brilliant/Edel 1095070BRC
(854 Min., 1992 - 2004) 12 CDs

Der aus Oberschlesien stammende Silvius Leopold Weiss war der berühmteste Lautenist seiner Zeit. Er wurde von Bach bewundert. Und mit 1400 Talern Jahresgehalt war Weiss zudem bestbezahlter Instrumentalist in der legendären Dresdner Hofkapelle. Wie es sich aber für einen Musikus solchen Formats gehörte, löste er nicht nur mit seinem Spiel Jubelarien aus. Der Mann war auch kompositorisch derart beschlagen, dass sein Schaffen heute alles überragt, was zumindest im deutschsprachigen Barockraum für die Laute geschrieben worden ist. Erstaunlicherweise wurde jedoch keines seiner Werke zu Lebzeiten gedruckt. Und auch danach mussten Jahrhunderte vergehen, bis 1980 endlich der Startschuss für eine Gesamtausgabe gegeben werden konnte.
Dass Weiss´ Nachlass sich auf diverse Bibliotheken verteilt, machte die Sichtung und Rekonstruktion der Manuskripte da nicht unbedingt einfacher. Besonders galt dies für das Londoner Notenkonvolut mit seinen immerhin 237 Einzelstücken, die sich vorrangig auf 26 Solo-Sonaten aufteilen.
Zum Glück sollte jedoch der kanadische Lautenist Michel Cardin langen Atem beweisen, als er sich in der British Library mit Weiss zu beschäftigen begann. Herausgekommen ist so nicht nur eine musikwissenschaftliche Großtat: Parallel zu seiner Forschungsarbeit hat Cardin die Sonaten und Einzelstücke im Aufnahmestudio dem Praxistest unterzogen, über zehn Jahre nahm die auf zwölf Einzel-CDs verteilte Gesamteinspielung in Anspruch. Und wenngleich immerhin schon zehn Jahre seit Erscheinen der letzten Aufnahme vergangen sind, ist man bei dem jetzt erstmals veröffentlichten Komplettpaket weiterhin vom Reichtum des Weiss´schen Kosmos ebenso fasziniert wie von Cardins traumwandlerischem Umgang mit den Stimmungspanoramen. So erweist sich jeder zufällige Griff in die (sensationell erschwingliche) CD-Box als Volltreffer. Denn ob es sich eben um die aus obligatorischen Tanzsätzen bestehenden Sonaten handelt oder einzelne Fantasien oder Menuette – Weiss war stets ein Meister der intimen Klangrede, der geistvollen Kantabilität, der würdevollen Haltung und der natürlichen Anmut. All das setzt Cardin in Perfektion und mit Herz um, auch wenn er mit der Barockflötistin Christiane Laflamme zu einigen Duo-Promenaden aufbricht.

Guido Fischer, 03.01.2015



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