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Shadows

Mark Murphy

TCB/New Arts International TCB33802
(60 Min., 6/1996)

Nachdem ihm Till Brönner als Produzent in den Nullerjahren zu einem Comeback bei dem Major-Label Verve verholfen hatte, wurde es still um den Sänger Mark Murphy. Nach der Zusammenarbeit mit dem deutschen Trompeter erschien 2010 eine selbstproduzierte CD und 2013 eine aus vier Titeln bestehende Kurz-Hommage an die Kollegin Shirley Horn. In Mitteleuropa bekam man davon so gut wie gar nichts mit.
Vor diesem Hintergrund ist die Veröffentlichung der seit 18 Jahren vor sich hinschlummernden Aufnahmen, die Murphy 1996 mit einem österreichisch-serbischen Quartett um den Saxofonisten Karlheinz Miklin und dem 2012 verstorbenen Pianisten Fritz Pauer in Maribor machte, geradezu ein Geschenk des Himmels. Auch deshalb, weil man Murphy von einer anderen Seite als der des höchst eigenwilligen Standard-Interpreten kennenlernt.
„Lilac Wine“, das sich nach einem düsteren Spukgeschichts-Intro zu einem bluesigen Bar-Schunkler entwickelt, sowie „If I Should Lose You“ in einer lässigen Funkjazz-Version sind die beiden einzigen Vertreter aus dem Great American Songbook auf „Shadows“. Der Rest der CD besteht aus Stücken, die der vokale Seiltänzer Murphy gemeinsam mit Miklin und Pauer erarbeitet hat.
Und die haben es in sich. Etwa „Next Page“, in dem die Gesangslinie seltsame Wege einschlägt und Miklin in einem intensiven Zwiegespräch mit Drummer Dusan Novakov den Coltrane in sich entdeckt. Oder „Hodnik“, eine freie Improvisation, in deren Rahmen Murphys kunstvolles Stammeln und Stöhnen eine ganz eigene Größe entwickelt. Eindringlicher Höhepunkt der Aufnahme ist „Humanity Ltd“, eine verstörende Meditation über die Grausamkeiten, die sich die Menschen einander angetan haben. Murphy, der begnadete Schattenmann des Jazz, singt hier nicht, er rezitiert mit sonorer Stimme Orte des Schreckens. Und trifft damit mitten ins Herz des Hörers.

Josef Engels, 10.01.2015



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