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Johannes Brahms

Die Klaviertrios

Oliver Schnyder Trio

RCA/Sony 88843095422
(122 Min., 4/2014) 2 CDs

Ist Brahms ein Romantiker oder ein Modernist? Diese Frage stellte die Musikwissenschaft im Grunde schon, als Brahms noch lebte, und sie ist bis heute nicht gelöst. Interpreten gehen das Problem indes seit jeher auf ihre eigene Weise an: Sie spielen Brahms‘ Musik einfach und loten dabei sowohl ihren emotionalen Gehalt wie auch ihre strukturellen Raffinessen aus. Hört man den Beginn des B-Dur-Trios auf dieser CD, dann möchte man Oliver Schnyder und seine Trio-Kollegen am liebsten gleich in die „romantische Ecke“ stellen: In herrlich dunklen Farben leuchten die fantastischen Kantilenen des „Allegro con moto“ nicht nur im Cello (das ja für solche Farben prädestiniert scheint), sondern auch im Klavier und in der Geige. Das dunkle Kolorit tut auch dem dämonischen Scherzo desselben Trios sehr gut; hier zeigen die drei Musiker aber auch gleichzeitig, wie faszinierend präzise sie mit Tonrepetitionen und flinken Dreiklangsbrechungen umzugehen verstehen.
Eine Besonderheit dieser Einspielung: Dasselbe Trio können wir in zwei Versionen hören, in derjenigen von 1854 und in der überarbeiteten von 1891. Brahms hat sich zu beiden Fassungen gegenüber seinem Verleger recht abfällig geäußert, was Oliver Schnyder zu einem launigen fiktiven Brief an Brahms im Beiheft dieser CD Anlass gibt: Er liest ihm ordentlich die Leviten wegen seiner ständigen zynischen, ironischen Nabelschau und bekennt sich dann gemeinsam mit seinen Triokollegen aber doch glühend zu dem menschlich schwierigen Meister: „Danke, wir lieben dich!“. Hiermit und mit der Ergänzung durch den Rezensenten, dass die drei Musiker aufs Wundervollste in der Lage sind, ihrer Liebe auch interpretatorisch Ausdruck zu verleihen, ist eigentlich alles gesagt über diese tolle CD. Und was Brahms‘ Romantizismus angeht: Seine Selbstzeugnisse, die von seiner verstopften Emotionalität zeugen, sagen eigentlich alles über seine Werke: Gefühle nur in der Musik zeigen – und es dann am besten nicht einmal zugeben … Dass diese problematische Haltung zumindest die nachgeborenen Interpreten nicht beirren muss, zeigen Oliver Schnyder, Andreas Janke und Benjamin Nyffenegger absolut überzeugend.

Michael Wersin, 17.01.2015



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