Responsive image
Rodericus, Elliott Carter, Ruth Crawford Seeger, Georg Friedrich Haas

First Performance Vol. IV: Streichquartette

JACK Quartet

Bonitz/harmonia mundi BMN20145
(57 Min., 1/2014) CD & Blu-Ray

Dass das amerikanische, immer noch recht junge JACK Quartet eine ungeheure Sicherheit im Umgang mit den komplexesten Partituren besitzt, weiß man spätestens seit dem Einspielungscoup sämtlicher Werke von Iannis Xenakis. Und auch auf der aktuellen Live-CD, die im Rahmen einer Konzertreihe der Baseler Gesellschaft für Kammermusik entstanden ist (und der wie dort stets eine Blu-Ray beigegeben ist, damit sich auch sehen lässt, was man hören kann), räumt man bei gleich drei Schwergewichten der Streichquartettliteratur sämtliche Brocken und Steine mit einer Selbstverständlichkeit zur Seite, die schon an die Klasse und Versiertheit des Arditti Quartet heranreicht. Wenngleich die JACKs sich wie die Ardittis ebenfalls auf die jüngeren und jüngsten Spielarten der (Ultra-)Moderne fokussieren, so erinnert man bei den Konzerten immer wieder auch an die Pioniere der Neuen Musik. Dazu gehört für die Musiker schon lange Gesualdo, von dem sie Madrigale arrangiert haben. Und mit der jetzt für vier Stimmen transkribierten Motette „Angelorum psalat tripudium“, die Rodericus und damit einem Vertreter der Ars subtilior zugeschrieben wird, eröffnete man jetzt den Abend. Doch dieses gerade einmal rund vierminütige Stück wirft weniger einen Schatten auf die Musik des 20. oder 21. Jahrhunderts voraus. Vielmehr besitzt diese asketisch wie meditativ daherkommende Fassung in Rhythmik und Melodik eine frappierende Ähnlichkeit mit den afrikanisch angehauchten Klangexpeditionen des Kronos Quartet.
Danach geht es aber dann richtig los, mit zwei Klassikern der amerikanischen Avantgarde sowie der Uraufführung des 8. Streichquartetts des Österreichers Georg Friedrich Haas. Mit expressiven Entladungen, fiebrigen Spannungsbögen und heftigen Pulsationen treffen die JACKs genau ins Herz des 1931 geschriebenen Quartetts von Ruth Crawford Seeger. Das 1971 von Elliott Carter komponierte 3. Streichquartett entwickelt sich zu einem extrem gereizten Dialog zwischen den beiden Duos, in die Carter das Quartettgefüge sezierte. Und das geheimnisvolle Innenleben von Haas´ 8. Streichquartett mit all seinen zerbrechlichen Obertonreihen, wild mäandernden Glissandi sowie der hermetischen Akkordik bekommt das JACK Quartet nicht allein mit seiner ungeheuren Souveränität in den Griff: Man macht daraus eine abenteuerliche Entdeckungsreise durch eine noch lange nicht ausgereizte Quartettlandschaft.

Guido Fischer, 17.01.2015



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top