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Songs For Quintet

Kenny Wheeler

ECM/Universal 4704653
(53 Min., 12/2013)

Die zu seinem 85. Geburtstag geplante Veröffentlichung der „Songs For Quintet“ erlebte Kenny Wheeler nicht mehr mit: Im September des vergangenen Jahres, kurz nach den letzten Abmischarbeiten an der Aufnahme, verstummte eine der eigenständigsten Stimmen der Jazzszene für immer.
Man muss schon ein Herz aus Granit haben, wenn einen dieses Album kaltlässt. Hörbar mit letzter Kraft flüstert Wheeler da auf seinem Flügelhorn noch einmal Schönheit in die Welt. Brüchig und matt klingt das Instrument – und doch ist da noch alles vorhanden, was Kenny Wheeler einst ausmachte: die flüssige Eleganz seiner Linien, seine melodische Unbeirrbarkeit vor jedem stilistischen Hintergrund und nicht zuletzt sein gigantisches kompositorisches Geschick. „Songs For Quintet“, das neben den schon früher einmal eingespielten Nummern „The Long Waiting“ und „Nonetheless“ hauptsächlich aus neuen Stücken Wheelers besteht, gibt dafür noch einmal einige bemerkenswerte Beispiele.
Stellvertretend sei mit „Sly Eyes“ eine vergleichsweise unkomplexe Komposition angeführt. Sie beginnt mit marschartigen Paradiddles von Schlagzeuger Martin France und bewegt sich im weiteren Verlauf rhythmisch in Richtung Tango. Dennoch hat man nie das Gefühl, dass hier ein Genre zitiert oder gar parodiert wird. Zu eigentümlich ist das unter Wheeler, Saxofonist Stan Sulzman und Gitarrist John Parricelli klug aufgeteilte Thema, zu untypisch sind die solistischen Beiträge. Diese Klischeevermeidung durchzieht das ganze Album; ob hardboppig Modales („Old Time“), Krypto-Afrikanisches („Canter No.1“) oder sogar freie Improvisation („1076“) – immer scheint die Person Wheelers durch.
Natürlich: Man hört förmlich, wie den 84-Jährigen die Kräfte verlassen. Und so ist es geradezu rührend, wie die im vollen Saft stehenden Mitmusiker ihren schwachen Chef sanft durch die Stücke geleiten. Man könnte fast heulen, mit wie viel Liebe und Behutsamkeit Sulzmans Tenorsax auf das sterbensmatte Flügelhorn im Thementeil von „Pretty Liddle Waltz“ antwortet. Wheelers letzte Songs sind von einer unorthodoxen Jenseitigkeit, in die ihnen ihr Komponist vorangegangen ist.

Josef Engels, 31.01.2015



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