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Pinball

Marius Neset

ACT/Edel 1090322ACT
(62 Min., 6/2014)

Es ist sicherlich noch zu früh, den norwegischen Saxofonisten Marius Neset mit einem so Übergroßen wie Keith Jarrett zu vergleichen. Aber in einem Punkt sind sich der amerikanische Piano-Star und der 30-jährige Skandinavier, der von Album zu Album souveräner mit seinen persönlichen, höchst virtuosen Ausdrucksmöglichkeiten umgeht, sehr ähnlich: Wie Jarrett könnte auch Neset von sich behaupten, dass er sein Leben lang eigentlich nur Schlagzeug gespielt habe. Und zwar auf dem Saxofon.
„Pinball“, Nesets neue Einspielung, liefert dafür mit dem Duo-Stück „Music For Drums and Saxophone“ den augenfälligen Beweis. Mit perkussiven Atemgeräuschen und pointiertem Klappenklappern wird Neset gewissermaßen zu einem Teil von Anton Egers Schlagzeugset. Aber auch in den anderen Kompositionen, die Streicher und Flöten in den Sound einer um Vibrafon und Marimba erweiterten Jazz-Combo integrieren, zeigt der Norweger seine Liebe fürs Schlagzeugspiel: Das Rhythmische ist die Antriebsfeder, mit der der im Albumtitel heraufbeschworene Flipperautomat zum Leben erweckt wird.
Mit krummen Metren, irrwitzigen Verschachtelungen und eigentümlichen Synkopen schießt Neset seine Flipper-Kugeln auf eine unberechenbare Reise. Mal streifen sie die Weltmusik, rufen dabei Assoziationen zur afrikanischen Polyrhythmik oder indischen Ragas hervor, mal sammeln sie Bonuspunkte bei der Klassik und der Minimal Music, mal umkreisen sie die skandinavische Volksmusik.
Alles auf „Pinball“ ist gleichzeitig wildes Spiel und gut durchdachte Strategie. Wenn Neset, der Pinball Wizard im Geiste Michael Breckers, so weitermacht, wird er bald dem alten Jarrett-Weggefährten Jan Garbarek den Rang als wichtigster Saxofonist des hohen Nordens abgelaufen haben.

Josef Engels, 14.02.2015



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