Johann Sebastian Bach

Violinkonzerte, Chaconne u.a.

Joshua Bell, Academy of St Martin in the Fields

Sony 88843087792
(50 Min., 9/2014)

 

Johann Sebastian Bach

Violinkonzerte

Giuliano Carmignola, Concerto Köln

DG/Universal 4792695
(74 Min., 7/2013)

 

Manchmal wiederholt sich Interpretationsgeschichte doch in Nuancen. Mitte der 1970er Jahre hatte die Academy of St. Martin in the Fields nicht nur zwei Violinkonzerte von Bach mit Henryk Szeryng aufgenommen, sondern zudem mit dem „Air“-Evergreen aus der 3. Orchestersuite gekoppelt. Rund vierzig Jahre später hat nun Joshua Bell als neuer künstlerischer Leiter des Traditionsorchesters diese drei Werke ebenfalls eingespielt und die Orchestrierungen der von Mendelssohn eingerichteten d-Moll-Chaconne sowie der Robert Schumann-Fassung der „Gavotte en Rondeau“ (3. Partita) draufgesattelt. Vom Programm her liegt diese Bach-CD mehr als nur eine Nasenspitze vor der Bach-Aufnahme mit Giuliano Carmignola und Concerto Köln, die neben den Konzerten BWV 1041-43 auch die beiden Violin-Versionen der Cembalo-Concerti BWV 1052 & 1056 bieten.
So weit also die formalen Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Doch natürlich liegen – was nun keine Überraschung ist – verschiedene Sichtweisen zwischen der „modernen“ (Bell) und der „authentischen“ (Carmignola) Gangart. So kommt einem auf den ersten Blick das romantische Flair gerade in den langsamen Sätzen gegenüber der von jeglichen Manierismen entschlackten Klarheit bei Carmignola durchaus etwas gestrig vor. Aber Bell ist kein Nostalgiker, sondern ein ganz großer Ausdrucksmusiker. Er versteht es, das Makellose mit einem wunderbar singenden und in vielen Momenten durchaus melancholischen Ton auszubalancieren und schreibt damit nahtlos das Erbe von Henryk Szeryng fort. Und dass die Academy of St. Martin in the Fields sich unter Bells Leitung neu entdeckt zu haben scheint und nicht so gutmütig, altväterlich daherkommt, wie es zu Neville Marriners Zeiten oft zu erleben war, ist ein weiterer Pluspunkt.
Im Gegensatz dazu wirkt das von Giuliano Carmignola und Concerto Köln gebotene Bach-Bild erstaunlich unaufgeregt und ausgeglichen. Wenn man nicht wenigsten ein, zwei Mal mächtig aus der Haut fahren würde – wie im Eröffnungssatz des Konzerts BWV 1052, bei dem Carmignola sein Instrument venezianisch Vivaldesk pulsieren lässt –, man würde nicht glauben, dass hier Spitzeninterpreten der historischen Aufführungspraxis am Werk wären. Zumal der Barockdrive gezügelt wurde. Und in den langsamen Sätzen herrscht eine (paradoxale) Objektivität im Lyrischen vor. Was die nötigen Spannungsmomente angeht, liegt auch da die amerikanisch-englische Bach-Connection wieder vorn.

Guido Fischer, 14.02.2015




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