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Gabriel Fauré

The Complete Songs Of Gabriel Fauré - Vol. 1

Christopher Maltman, John Mark Ainsley, Geraldine McGreevy, Stella Doufexis, Stephen Varcoe, Jennifer Smith, Felicity Lott, Graham Johnson

Hyperion/Codaex CDA 67333
(68 Min., 2002, 2003, 2004) 1 CD

Der hinsichtlich seiner enzyklopädischen Aufnahmetätigkeit unermüdliche englische Liedbegleiter Graham Johnson arbeitet seit einiger Zeit an einer "French Song Edition", die nicht wie beispielsweise die "Schubert Edition" nach Vollständigkeit strebt - wäre das überhaupt möglich? - aber doch einen sehr umfassenden Einblick in das reichhaltige Mélodie-Repertoire geben will. Nach einer Reihe von Folgen u. a. mit Liedern von Reynaldo Hahn, Emmanuel Chabrier, Déodat de Séverac und Henri Duparc liegt nun die erste von geplanten vier CDs mit sämtlichen Liedern von Gabriel Fauré vor. Johnson bietet, wie gewöhnlich, ein umfassendes Beiheft in englischer Sprache mit Kommentaren zu jedem einzelnen Lied (eine französische, aber keine deutsche Übersetzung seiner Ausführungen findet sich auf der Internetseite von Hyperion Records) und unterstreicht damit seine gründliche und fundierte Beschäftigung mit der Materie.
Auf insgesamt sieben Sängerinnen und Sänger verteilt Johnson die Mélodies dieser ersten Folge, dabei weitgehend auf Sänger zurückgreifend, mit denen er schon im Rahmen anderer Projekte gearbeitet hat. Neu im "Team" ist lediglich die Sopranistin Jennifer Smith, die in den drei ihr anvertrauten Liedern ("Seule!", "C’est la paix" sowie "Pleurs d’Or" im Duett mit John Mark Ainsley) keinen ganz überzeugenden Eindruck hinterlässt: Ihre Stimme läuft nicht wirklich frei, ihr Timbre klingt etwas stumpf. Ausgesprochen erfreulich hingegen die erneute Begegnung mit dem Bariton Christopher Maltman: Er entfaltet sein breites, mit großer Flexibilität eingesetztes Ausdrucksspektrum von weichen Mischklängen bis hin zu kraftvoll-offenem Zugriff auf der Basis einer reibungs- und schlackenlos funktionierenden, perfekt kontrollierten Stimme. Ihm gelingt u. a. eine sehr differenzierte, liebevollst gestaltete Version des kleinen Zyklus "L’horizon chimérique"; vorzüglich auch seine Interpretation des atmosphärischen "Les berceaux".
Einen anderen Mini-Zyklus, die "Cinq mélodies de Venise", vertraut Johnson der bewährten Sopranistin Felicity Lott an, die sich dieser bekannten Lieder mit ähnlicher Akkuratesse und Detailgenauigkeit annimmt wie Maltman, allerdings aus Altersgründen nicht mehr durchgängig mit vergleichbarer stimmlicher Frische aufwarten kann. Unter einem etwas zu starken Vibrato leidet bisweilen der Vortrag des Tenors John Mark Ainsley; nicht zufällig setzt ihn Johnson wohl in "Au cimetière" ein, wo seine unruhig nervöse Stimmgebung in durchaus ansprechender Weise mit der wachsenden Aufgeregtheit dieses Liedes korrespondiert.
Der dritte Zyklus dieser CD, "Mirages", fällt dem Bariton Stephen Varcoe zu, der die vier über weite Strecken im unteren dynamischen Bereich auszuführenden Gesänge geschmackvoll und zart darzubieten versteht, wenn er auch nicht über die deklamatorische Delikatesse seines großen Vorgängers Gérard Souzay verfügt, der diese Lieder in den sechziger Jahren für Philips einspielte.
Für die Sängerauswahl seiner Produktionen zieht Graham Johnson zwar das Geschick der Interpreten im Umgang mit der sprachlichen Ebene in Betracht, legt aber keinen Wert auf deren native Vertrautheit mit dem jeweiligen Idiom. Im Gespräch mit dem Autor äußerte er diesbezüglich einmal die Ansicht, dass ein guter Interpret auch für eine Fremdsprache so viel Einfühlungsvermögen aufbringen könne, dass zwar letzte - vernachlässigbare - phonetische Unsauberkeiten, aber keinerlei Mängel auf der Ausdrucksebene zu beklagen sein müssten. Dies mag in einigen Fällen sicher zutreffen, aber Johnsons Aufnahmen sorgen auch immer wieder einmal für Zweifel an seiner These. Vielleicht wäre es doch sinnvoll, für Einspielungen französischer Lieder auch verstärkt auf französischsprachige Sänger zurückzugreifen.

Michael Wersin, 30.04.2005



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