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Marc-Antoine Charpentier, Antonio Caldara, Heinrich Ignaz Franz Biber u.a.

Krieg & Frieden 1614 - 1714

Hespèrion XXI, Le Concert des Nations, Königliche Kapelle Katalonien, Jordi Savall

Alia Vox/harmonia mundi AVSA9908
(154 Min., 1996 - 2014) SACDs

Wenn die Zeiten von Tag zu Tag unruhiger werden und die Sendezeit der Abendnachrichten schon fast nicht mehr ausreicht, um all die Konfliktherde dieser Erde aufzulisten, kann man sich immerhin noch in die Musik flüchten. Doch ganz so einfach macht es Jordi Savall nicht. Der 2008 von der UNESCO zum „Artist of Peace“ ausgerufene Gambist, Dirigent, Ensemble-Gründer und CD-Labeleigener versucht mit nahezu jeder Einspielung stets Brücken zwischen verschiedensten Kulturen zu bauen. Und speziell mit den dickleibigen und glänzend editierten CD-Büchern formuliert Savall in Essays und zusammen mit befreundeten Gelehrten schon mal Manifeste gegen aktuelle Unterdrückung, Ausbeutung und Kriegstreibereien.
Ein ganzes, von Grausamkeiten, Überfällen und brüchigen Friedensabkommen geprägtes Jahrhundert hat Jordi Savall nun mit seinen drei Ensembles musikalisch porträtiert. Angefangen beim Jahr 1614, in dem die Osmanen einmal mehr nach Europa griffen und die Juden in Frankfurt zum Freiwild wurden, bis hin zur Belagerung Barcelonas 1714 reicht die Chronik des Projekts „Krieg & Frieden“. Um anhand der passenden, stets kunstvollen Tänze, Märsche, Fanfaren, Jubelchöre und Lamenti die mahnende Geschichte einer blutigen Epoche zu erzählen, hat Savall nicht nur auf neuestes Tonmaterial zurückgegriffen, sondern sich in seinem eigenen riesigen Schallarchiv bedient. Doch da die Musikfiletstücke etwa eines Marc-Antoine Charpentier, wie die Krönungs-„Chaconne“ von Georg Muffat oder die katalanische Hymne auf gewohnt höchstem Savall-Niveau erklingen, fährt einem bei diesem historischen Klangspiegelbild nicht etwa der Schrecken in die Glieder. Vielmehr stellt sich schneller als gedacht der pure Genuss ein.

Guido Fischer, 28.02.2015



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